Das Weiterleben der Idee des atlantischen Reiches (18)

 

 von Karl Juergen Hepke

 

Die Idee des atlantischen Reiches, das heisst, eines Reiches, in dem alle Menschen in Frieden und in gegenseitiger Achtung nach bestimmten goettlichen Regeln leben und gluecklich sein koennen, in dem Handel und Wandel bluehen und ein starker, in sich fest gefuegter Staat den Frieden und die Rechte des einzelnen schuetzt , hat, seitdem dieses Reich einmal auf der Erde existierte, die Menschheit nie losgelassen und wird dies auch in Zukunft nicht tun, bis es vielleicht eines Tages wiederersteht. Diese Idee wird immer wieder genaehrt durch die Erinnerungen der wiedergeborenen Menschen, die einmal in diesem Reich gelebt haben.

In der Geschichte der Menschheit ist in vielen Reichsgruendungen der Versuch unternommen worden , dieses Reich des "goldenen Zeitalters" wiedererstehen zu lassen, aber immer wieder scheiterten die Versuche oder waren nur von sehr begrenzter Dauer, da es oft an wichtigen Grundvoraussetzungen oder auch an dem erforderlichen Wissen fehlte. Denn bekanntermassen haben Traeume, ohne die dazu gehoerende reale Grundlage, oft nur ein kurzes Leben.

Den ersten Versuch, das durch die kosmische Katastrophe von 1250 v. Chr. schwer getroffene Reich wiederherzustellen, wurde von den an der phoenizischen Kueste liegenden Filialen und Flottenstuetzpunkten des atlantischen Reiches unter der Fuehrung der starken Festung Tyrus unternommen. Da Tyrus aber der Tradition nach eine Handelsstadt und kein politisches Zentrum war, wurden vor allem die handelspolitischen Aspekte gepflegt. Die politischen, geistigen und kulturellen Bereiche gerieten dabei ins Hintertreffen und so fehlte dieser Nachfolgemacht der echt zusammenbindende Geist. Die Lage von Tyrus war darueberhinaus nur sehr schlecht geeignet, die Interessen im Westteil des Reiches ausreichend wahrzunehmen. Aus dieser Erkenntnis wurde dann von Tyrus aus, auf dem Hoehepunkt seiner Macht im Jahr 800 v. Chr., die "neue Hauptstadt" Karthago gegruendet, die als neuer Mittelpunkt des Reiches gedacht war.

Diese Gruendung geschah schon im Hinblick auf die Schwierigkeiten, die man von den erstarkenden Nachbarstaaten Phoeniziens vor allem von Assyrien her erwartete. Aber Karthago fehlten wichtige Aspekte einer auf Dauer erfolgreichen Nachfolge. Es war zwar weniger den Einfluessen und politischen Beeintraechtigungen des vorderen Orients ausgesetzt, auch seine Lage an der Engstelle zwischen den beiden Haupthandelsraeumen westliches und oestliches Mittelmeer und etwa in der Mitte zwischen Tharsis und Tyrus versprach eine erfolgreichere politische Einflussnahme auf beide Bereiche, die sich ja dann auch realisierte. Aber es war ein Fremdkoerper auf nordafrikanischen Boden, da sich die Einwohner Nordafrikas schon seit langem dem Einfluss des atlantischen Reiches entzogen hatten und ihre eigene, auf kleine politische Einheiten begrenzte Politik betrieben. Damit fehlte ihm das bevoelkerungspolitische Hinterland und es litt, als der Zustrom von Zuwanderern aus Tyrus aufhoerte, zunehmend an Mangel an neuen ideenreichem Nachwuchs.

In seinen Kriegen musste es deshalb weitgehend auf Soeldner zurueckgreifen, die sich zum Teil aus den Staaten rekrutierten, mit denen die kriegerischen Auseinandersetzungen stattfanden, was der Kampfmoral der Truppen nicht gerade zutraeglich war, und den karthagischen Feldherren schwere Aufgaben bei der Findung einer Schlachtordnung stellte, in der nicht Landsleute gegeneinander kaempfen sollten. So scheiterte Karthago schliesslich an dem Unvermoegen, nach zwei Abnutzungskriegen, die viel Menschen und Material gekostet hatten , fuer den dritten, von Rom aufgezwungenen Krieg, ausreichend eigene, fuer die Sache begeisterte Krieger in die Schlacht gegen den Angreifer zu fuehren.

Das naechste Reich, das bestrebt war, die Nachfolge des atlantischen Reiches anzutreten, wurde dann im Iran von den dorthin ausgewanderten Kerngruppen des atlantischen Reiches und ihren Fuehrern, den Achaemeniden, unternommen. Es ist interessant zu sehen, dass sich in diesem Namen, den sie nach ihrem sagenhaften Anfuehrer Achaemenes bei der Auswanderung fuehrten, sowohl der Name der Achaeer, der griechischen Komponente des atlantischen Reiches , wie auch der Name des Menes , dem sagenhaften Gruender des Hafens von Tharsis und andererseits des Koenigs, der Ober- und Unteraegypten zu einem Reich vereinte, wiederfindet. Offenbar handelte es sich also um uralten atlantischen Adel, der sich im atlantischen Reich hervorragend bewaehrt hatte. Diese Begabung bestaetigte sich denn auch sehr schnell, denn die Gruendung eines riesigen, in sich fest gefuegten und gut organisierten Reiches dauerte nicht mehr als 50 Jahre.

Das neue Reich machte dann aber den politischen Fehler, sich von den Phoeniziern, denen - als einzige in den Wirren des Untergangs des atlantischen Reiches nahezu unversehrt davongekommenen alten Atlantern - sicher eine hohe politische Kompetenz zugetraut wurde, in deren Auseinandersetzungen mit den Griechen mit hineinziehen zu lassen. Sicher argumentierten die Phoenizier mit der Moeglichkeit, bei einem Sieg gegen die Griechen die alten Machtpositionen des atlantischen Reiches im Mittelmeerraum wiedergewinnen zu koennen. Ein fuer die Perser nicht uninteressanter Aspekt. Aber sie machten den Fehler, den nach ihnen noch etliche Reiche machen sollten, naemlich den, die Groesse eines Heeres und seine Ausruestung hoeher zu bewerten, als dessen Qualitaet und Kampfmoral. Ausserdem war in dem relativ kleinen und stark durch Gebirge zergliederten Griechenland ein riesiges Heer eher ein Nachteil als ein Vorteil.

So vergeudete das persische Reich seine Energie in einem gewaltigen Kraftakt gegen den relativ unbedeutenden Gegner, dem dazu noch der " Heimvorteil" und guenstige Umstaende zur Hilfe kamen. Infolge des Verlustes der Seeschlacht bei Salamis - trotz einer hohen Ueberlegenheit an Schiffen und Kaempfern - misslang die angestrebte Beherrschung des Mittelmeers, das eigentliche Ziel dieses Krieges. Hinzu kam ein nicht zu reparierender Verlust an Prestige der persischen Streitkraefte, der dazu fuehrte, dass 100 Jahre spaeter der makedonische Koenig Alexander es wagte, gegen das riesige persische Reich anzutreten und es schliesslich sogar in einem beispiellosen Siegeszug eroberte, was ihm dann in der westlichen Geschichtsschreibung den Beinahmen " der Grosse" eintrug.

Alexander der Grosse ist damit die erste von Einzelpersoenlichkeiten, die, von der atlantischen Reichsidee besessen, die Welt in wenigen Jahren , in denen man die fast magische Zahl 12 zu erkennen glaubt , veraendert, ohne allerdings zu dem angestrebten Reich zu gelangen. Ihm folgen spaeter, wie noch im Kapitel Der Mensch in der Geschichte" erwaehnt werden wird, andere nach.

Man koennte geneigt sein, das nun als naechstes in der Geschichte entstehende roemische Reich auch als Nachfolger des atlantischen Reiches zu bezeichnen, vor allem deshalb , weil es den traditionellen Raum des Mittelmeers einschliesslich der ehemals atlantischen Laender Spanien, Frankreich und England in der Zeit seiner groessten Ausdehnung mitbeherrschte. Sicher lagen den roemischen Eroberern auch derartige Gedanken nahe, und sie wurden auch fuer eine gewisse Zeit verwirklicht. Aber die tragenden Ideen des Reiches waren andere. Es ging hier vorwiegend um militaerische Beherrschung durch Besatzungstruppen und um materielle Ausbeutung der eroberten Gebiete zugunsten der Metropole Rom. An einer positiven wirtschaftlichen Entwicklung der beherrschten Laender war man wenig interessiert, und oft genug wurden bei militaerischen Strafexpeditionen die von den Legionen Roms durchzogenen Laender schwer geschaedigt und in den Ruin getrieben.

Gegen diese schlechte Behandlung gab es immer wieder Aufstaende in den beherrschten Laendern , die durch weitere militaerische Vernichtungsaktionen vergolten wurden. Das ehemals reiche roemische Reich verwandelte sich so allmaehlich in ein armes und verwuestetes und es kam sogar soweit, dass den ehemals ruhmreichen Legionen der Zugang nach Italien von der roemischen Regierung verboten wurde, weil man Uebergriffe im eigenen Land befuerchtete. So ging dieses Reich dann schliesslich an seiner urspruenglichen Staerke, naemlich der immer mehr ausufernden Macht des Militaers zugrunde, die dem sowieso nicht sehr stabilen politischem System , das mehrere verschiedene Regierungsformen versuchte, ohne dabei zu einer dauerhaften Loesung zu gelangen, weitere Schwaechen hinzufuegte.

Auch die naechste Reichsgruendung stand weniger unter der Idee der Wiedererstehung des atlantischen Reiches als unter einer religioesen Zwangsvorstellung. Dass es naemlich goettlicher Wille sei , die eigene Religion ueber die Welt zu verbreiten, und das auch unter Anwendung von Gewalt. In gewisser Weise war diese Idee nicht neu, denn auch das Christentum stand bereits unter dem Auftrag seinen Glauben ueber die Welt zu verbreiten. Neu war nur die Vorstellung, dass dies auch unter Anwendung von Gewalt geschehen koennte. Diese Idee war in Arabien entstanden und hatte seine Wurzel in der Strategie der Wuestenvoelker, die an ihrem Rande lebenden sesshaften Kulturvoelker von Zeit zu Zeit zu ueberfallen und auszupluendern, um ohne grosse eigene Anstrengungen auch in den Genuss ihrer kulturellen Errungenschaften zu gelangen.

Der Prophet dieser Idee war Mohammed und er hatte bei seinen Landsleuten damit einen solchen Erfolg, dass sie und ihre Reiterheere, kraft dieser Idee und einer Serie von Erfolgen, sich fuer unueberwindbar hielten und in einem beispiellosen Siegeszug den ganzen vorderen Orient bis nach Indien hin und dazu noch Nordafrika und fast den gesamten europaeischen Bereich des alten atlantischen Reiches eroberten.

Damit hatten sie alten Kulturboden gewonnen, in denen die Idee des atlantischen Reiches immer noch lebendig war. Auch die Menschen und ihre Faehigkeiten, Schiffe zu bauen und Handel zu treiben und dazu die Kenntnis der Kuesten und der Seewege, waren noch vorhanden und belebten sich unter der relativ milden und Handel und Wandel positiv gegenueberstehenden neuen Herrschaft zunehmend mehr. Dazu bot die Groesse des Reiches, das von Indien bis Iberien reichte und damit den vollen Bereich des atlantischen Reiches zur Zeit seiner groessten Ausdehnung abdeckte, ungeheure Moeglichkeiten fuer den Austausch interessanter Handelswaren.

Die arabischen Neusiedler waren darueberhinaus auf Grund ihrer Erfahrungen im Trockenklima Nordafrikas und dank ihres alten, ungebrochen erhalten gebliebenen Wissens ueber die richtigen Anbaumethoden, Meister in der Erschliessung problematischer Landschaften, zu denen viele Gegenden Iberiens aufgrund der Abholzung der Waelder in atlantischer Zeit und der Abschwemmung der Kulturboeden in der Katastrophe von 1250 v. Chr. geworden waren. Sie legten an den Berghaengen Terrassen an und installierten umfangreiche Bewaesserungsanlagen, die zum Teil heute noch in Betrieb sind. Vor allem der Sueden Spaniens, Andalusien, das bis zu 700 Jahren von den Arabern beherrscht wurde, wurde in dieser Zeit wieder zu dem landwirtschaftlichen Paradies, das es in der atlantischen Zeit und vor der Katastrophe von 1250 v. Chr. gewesen war.

Die weltoffene und tolerante Einstellung der neuen Herren, die auf Grund ihrer eigenen Bildung den Wissenschaften und den schoenen Kuensten ueberwiegend freundlich und foerderlich gegenueberstanden, foerderte zudem die Entwicklung der Naturwissenschaften wie der Medizin, der Geisteswissenschaften wie Philosophie und Astrologie und der schoenen Kuenste wie Literatur und architektonische Gestaltung, um nur die herausragensten zu benennen. Universitaeten wurden zum ersten Mal auf europaeischem Boden gegruendet und standen in einem hervorragenden Ruf.

So koennte man das muselmanische Reich, das seinen Hoehepunkt in dem Kalifat von Cordoba um das Jahr 1000 n. Chr. herum fand, obwohl es nicht als Nachfolger gegruendet worden war, doch auf Grund seiner Eigenschaften und seiner Lebensdauer von 700 Jahren, als echtesten neueren Nachfolger des atlantischen Reiches der alten Zeit betrachten. Es fand sein Ende durch ein beutegieriges Heer verhinderter Kreuzfahrer, das sich vorwiegend aus europaeischen Abenteurern zusammensetzte und ein Stueck nach dem anderen aus dem reichen Kuchen herausbrach, den das in viele kleine Fuerstentuemer zerfallene arabische Reich in Spanien in der Mitte des europaeischen Mittelalters darstellte.

Dass dieses Heer sich "christlich" nannte, war anfangs mehr als Unterscheidungsmerkmal gegenueber dem Heer der Mauren oder "Moros", wie sie genannt wurden, gedacht. Nachdem aus den Anfangserfolgen dem Papst aber reichliche Geschenke gemacht wurden, erhielt der Raubzug die Billigung der Kirche und ihre Anfuehrer, die Koenige der nordspanischen Provinzen Arragon und Navarra, erhielten schliesslich sogar den Titel der "allerchristlichsten katholischen Majestaeten" obwohl sie sich alles andere als "christlich"- im positiven Sinne verstanden - verhielten, und geschlossene Vertraege nach dem endgueltigen Sieg in grosser Menge brachen.

Zum Unglueck fuer Amerika fand Christoph Columbus ausgerechnet im Jahr des endgueltigen Sieges ueber die Mauren den westlichen "Seeweg nach Indien" und entdeckte das Land, das anfangs noch "Westindien" genannt und spaeter, als man merkte, dass es ein eigener Kontinent war, in Amerika umbenannt wurde. Zum Unglueck fuer Amerika deshalb , weil sich nun das Heer von Abenteurern, das bis dahin Spanien gepluendert und ausgeraubt hatte, dem neuentdeckten Land zuwandte und es nach den gleichen Raeubermethoden mit hoechster Billigung des Papstes und der offiziellen Kirche behandelte und bluehende Kulturen ruecksichtslos vernichtete.

In dem nun auf dieser Basis entstehenden Weltreich Spaniens, in dem "die Sonne nicht unterging" wie sein maechtigster Koenig, Karl V, zu Recht feststellte, nachdem er durch Bestechung der deutschen Kurfuersten auch noch zum Deutschen Kaiser gewaehlt worden war, koennte man auf Grund seines Kernlandes Spanien und auf Grund der anfaenglichen Seeherrschaft ueber die Meere und Ozeane, durchaus einen Nachfolger des atlantischen Reiches sehen.

Doch dieses Reich stand vom Geist her nicht in der alten liberalen Handelstradition , sondern war betont auf Eroberung und Ausbeutung der eroberten Gebiete und ihre voellige Unterwerfung unter das zur Doktrin erhobene Christentum ausgerichtet. Es stand damit in der Reichsidee dem roemischen Reich viel naeher als dem atlantischen, und es hatte dann auch eine aehnliche Geschichte. Religioese und geistige Toleranz waren in diesem Reich absolute Fremdwoerter und es dominierte in seiner Innenpolitik der Geist der Inquisition, der Folter und der "peinlichen Befragung". Wer sich , wenn er in die Faenge von Justiz und Inquisition geriet, nicht als absolut und linientreu christlich und staatstreu erwies oder von missguenstigen Menschen verleumdet wurde, wanderte erbarmungslos in die Folterkammer und anschliessend auf den Scheiterhaufen.

Spanien, das ehemalige weltoffene Atlantis, begruendete in dieser Zeit seinen schlechten Ruf in Europa, das es kenntenlernte als intolerant, hochmuetig, kleinkariert christlich und unfaehig, ueber den Tellerrand der Interessen ihrer herrschenden Oligarchie, die sich an mittelalterliche Machtvorstellungen klammert, hinauszudenken.

Auch seine, mit dem in Amerika geraubten Gold finanzierten Machtdemonstrationen in Europa, die vom brutalen Kampf um die spanischen Niederlande bis zur Erringung der Papstmacht durch die beruechtigten Borgias und ihre Untaten reichte, trugen dazu bei, dass die spanische Herrschaft in einen schlechten Ruf in Europa und damit in eine Aussenseiterstellung geriet. So ist es durchaus verstaendlich, dass der europaeische Geist sich innerlich gegen die Vorstellung straeubt, das ideale Atlantis, das Reich des" goldenen Zeitalters", ausgerechnet in dem unpopulaeren Spanien angesiedelt zu sehen.

 

Die Stellung Spaniens als Grossmacht ist auf Grund der ungeschickten Machtpolitik und der zunehmenden Unpopularitaet dann auch nur von kurzer Dauer. Im Augsburger Religionsfrieden 1555 endet der Machtanspruch Karls V in Mitteleuropa, und die Vernichtung der spanischen Armada 1588 vor England, bei der die stuermischen Wetterbedingungen vor Englands Suedkueste eine hilfreiche Rolle spielen, sind der Anfang vom Ende der spanischen Beherrschung der Meere.

Eine einseitig christlich orientierte Innenpolitik , die 1610 in der vertragswidrigen Vertreibung der spanischen Mauren gipfelt, schwaecht den spanischen Staat auch im Inneren. Nach der schon 1492 erfolgten Vertreibung der Juden bedeutet sie einen weiteren Verlust an geistigem und kuenstlerischem Potential, das der Staat, der schon durch die Auswanderung des groessten Teils des ehemaligen atlantischen, hochbegabten und erfinderischen Volkes nach der Katastrophe von 1250 v. Chr. in seiner Grundsubstanz nicht mehr sehr stark war und nun zusaetzlich durch die Auswanderung vieler guter Kraefte in die neueroberten Gebiete geschwaecht wurde, nicht verkraftet. Die Folge ist weiterer Machtverlust und mit der Anerkennung der Niederlande 1648 und dem mit Frankreich geschlossenen Pyrenaeenfrieden endet dann endgueltig die Stellung Spaniens als Grossmacht in Europa.

Dies bezieht sich nicht nur auf die politische, sondern auch auf die geistige und kuenstlerische Ebene, denn Spanien traegt in den folgenden 300 Jahren nur sehr wenig zur geistigen, kulturellen und technischen Entwicklung Europas bei. Durch Beharren auf einer fast mittelalterlichen politischen und wirtschaftlichen Struktur faellt es wirtschaftlich und politisch immer weiter zurueck und erreicht damit zum Ende des zwanzigsten Jahrhunderts, als der Wunsch nach einer Rueckkehr nach Europa immer deutlicher wird, nahezu die wirtschaftliche, geistige und politische Staerke eines Entwicklungslandes .

Das Land, das sich nach Spanien anschickt, in die Fussstapfen des atlantischen Reiches zu treten, ist da von ganz anderer Art. Schon die Katastrophe von 1250 v. Chr. hatte auf den britischen Inseln bei weitem nicht so viel Schaden angerichtet wie in Spanien. Die noerdlichen gebirgigen Landesteile Schottlands waren nur durch die nachfolgende Klimaverschlechterung betroffen und ein Teil der Bevoelkerung musste deshalb auswandern, um nicht zu verhungern. Aber der Kern des Landes und der Bevoelkerung blieb erhalten. In die suedlich gelegeneren Landesteile waren im Laufe der spaeteren Geschichte Jueten, Angeln und Sachsen aus Norddeutschland und spaeter dann auch noch Normannen , die ehemals im Ostseeraum und Daenemark siedelten, eingedrungen und sesshaft geworden.

Die britischen Inseln waren so geradezu zu einem Sammelbecken der im Westen verbliebenen Restvoelker des atlantischen Reiches geworden. Da es sich bei den Restvoelkern ueberwiegend um ehemalige Randvoelker des atlantischen Reiches handelte, standen sie nicht sehr stark in der atlantischen Kultur- und Religionstradition. Die christliche Kirche konnte sich deshalb ohne besondere Widerstaende ausbreiten, wobei sie sich geschickt vorwiegend an bereits vorhandenen Heiligtuemern der Bevoelkerung ansiedelte und die ehemals "heidnischen" also atlantischen Feste in den christlichen Kalender uebernahm. Der Einfluss Roms blieb allerdings umstritten und fuehrte schliesslich sogar zur kriegerischen Auseinandersetzung mit Spanien, der romtreuesten Staatsmacht des Westens.

Auch danach gibt es immer wieder Versuche einer katholischen Partei, die Macht Roms innenpolitisch zu festigen, sie werden aber immer wieder zurueckgewiesen und enden in der endgueltigen Losloesung der neugegruendeten Anglikanischen Kirche von Rom unter Heinrich VIII. Die verbleibenden Hochburgen der Katholiken in Schottland und Irland, stehen aber weiterhin im Dauerkonflikt mit der Staatskirche. So muss sich England erst im Inneren aus den verschiedensten Volksgruppen und Interessen zusammenfinden, bis es dann schliesslich, mit einer fortschrittlichen Verfassung versehen, die als erste Verfassung der Welt Menschenrechte festschreibt, daran gehen kann, in der Weltpolitik eine Rolle zu spielen.

Aufgrund des hohen geistigen und unternehmerischen Potentials, das sich hier angesammelt hatte, war der Weg zur die Meere beherrschenden Grossmacht dann ein ganz aehnlicher wie im atlantischen Reich. Es begann mit Einzelunternehmungen mutiger Maenner wie Drake und Raleigh, die auf eigene Faust mit Billigung der englischen Krone gegen die spanische Seemacht kaempften und die ersten Kolonien gruendeten und setzte sich fort in den "Merchant Adventurers", die Gesellschaften zur handelspolitischen Erschliessung interessanter Gebiete auf der Erde bildeten.

Der aufgrund der handelspolitischen Erfolge und des Reichtums , der damit ins Land stroemt, erst langsam in seine neue Rolle hineinwachsende Staat, schaltet sich erst ein , als inzwischen lebenswichtig gewordene Positionen gefaehrdet erscheinen. Dann allerdings mit aller erforderlichen Macht und Konsequenz. Auch dieses Verhalten erinnert sehr stark an die Wachstumsgeschichte des atlantischen Reiches.

So waechst England zur Seemacht Nr. 1 in der Welt heran und sorgt mit seiner Stuetzpunktpolitik und einer auf allen Weltmeeren gegenwaertigen Flotte, begleitet von der weltweiten Erforschung und Kartographierung der Meere, fuer einen weltweiten sicheren Handel, wie es einst das atlantische Reich fuer den Bereich des Mittelmeers tat.

Auch die Behandlung und handelspolitische Erschliessung der als interessant erkannten Laender folgt dem atlantischen Muster. Man ist an Gedeihen und positiver Entwicklung des erschlossenen Landes interessiert, denn nur mit einem wirtschaftlich bluehendem Land kann man gute Geschaefte machen. Kriegerische Auseinandersetzungen, die den Handel stoeren, werden jedoch mit aller verfuegbarer Macht unterdrueckt. Dieses Konzept, das schon vor langer Zeit im atlantischen Reich erfolgreich angewendet wurde, bewaehrt sich auch jetzt in weltweitem Rahmen wieder, bis die fortschreitende Entwicklung der Welt der Kolonialpolitik und damit auch dem britischen Empire ein Ende setzt.

Dieses Ende beruhte nicht auf irgendwelchen Fehlern, die dem System innewohnten, sondern es wurde hervorgerufen durch die machtpolitischen Auseinandersetzungen, welche die an einer vergleichbaren Machtstellung interessierten europaeischen Konkurrenten Frankreich und Deutschland der Vormachtstellung Englands aufzwangen.

Die machtpolitische Situation Grossbritanniens ist in dieser Auseinandersetzung durchaus der vergleichbar, in der sich Karthago gegen die nach Vergroesserung ihrer Macht strebenden Staaten Griechenland und Rom befand. Nur hier waren es statt eines Scipio und Cato die "Reichsgruender" Napoleon I, Wilhelm II und Hitler, die mit ihren Machtanspruechen dem britischen Staat nach und nach die Kraft raubten, das Riesenreich weiter aufrechtzuerhalten.

England musste zweimal die USA um Hilfe in einer europaeischen Auseinandersetzung ersuchen, und dies blieb nicht ohne Folgen . Denn im ersten wie im zweiten Weltkrieg beendete erst das Eingreifen der USA den europaeischen Krieg zugunsten Englands und der Westalliierten. Dieses, vor allem den zweiten Weltkrieg entscheidende Eingreifen liessen sich die USA honorieren . So wurde die Welt danach vorwiegend nach seinen Vorstellungen und denen der, durch eine geschickte Politik Stalins und starken militaerischen Einsatz bei der Eroberung Deutschlands zur zweiten Weltmacht aufgestiegenen Sowjetunion, gestaltet. Und in diesen Vorstellungen gab es keinen Platz mehr fuer ein britisches Kolonialreich. Es wurde nach und nach aufgeloest und die Kolonien wurden teilweise unerwartet schnell zu unabhaengigen Staaten, denen sich in gegenseitiger Konkurrenz nun die beiden neuen Supermaechte zuwandten, um ihre Wirtschaftskraft zu ihren Gunsten zu nutzen. Das machten sich wiederum die neuen Staaten zu Nutzen und fuehrten eine Zeit lang eine Schaukelpolitik zwischen beiden Seiten, bis sich die Interessenzonen abgeklaert hatten.

Mit der Gruendung des Nordatlantikpaktes zogen dann die USA endgueltig die politische und militaerische Fuehrung in Westeuropa und dem groessten Teil des ehemaligen atlantischen Reiches an sich und wurden so zum gegenwaertigen Nachfolger, der mit Geschick und unter weitgehender Achtung der Interessen der Verbuendeten seine Stellung immer weiter politisch ausbaute und zur Zeit sogar von den Voelkern des ehemaligen russischen Machtbereichs als Wunschpartner angesehen wird. Sein politisches Konzept liegt dabei vorwiegend auf der Linie des ehemaligen atlantischen Reiches und man kann erwarten, dass - soweit nicht besondere Umstaende , wie der Einschlag eines grossen Meteors , eintreten oder eklatante politische Fehler, wie das Abgleiten in eine reine Machtpolitik im Stil des roemischen Reiches , gemacht werden - bei Fortsetzung der bisherigen Politik und ihrer fortschrittlichen Weiterentwicklung im "atlantischen Stil" dem "neuen atlantischen Reich" ein langes, erfolgreiches Leben beschieden sein wird.

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Lesen Sie hierzu, umfassend und uebersichtlich dargestellt :

DIE GESCHICHTE VON ATLANTIS, der vergessene Ursprung unserer Kultur
von Karl Juergen Hepke
TRIGA - DER VERLAG, 2.Aufl. 2008, Hardcover, 268 Seiten, Eur 22,00 , ISBN 978-3-89774-539-1

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