Der alte gerade Weg (17)

von Karl Juergen Hepke

Im Jahre 1922 wurde von Alfred Watkins, der in Hereford in England lebte, und seines Zeichens nach Kaufmann mit einem regen und breitgefaecherten Interesse an Wissenschaft und Altertuemern war, eine neue Komponente der ersten Kulturen auf der Erde entdeckt. Er veroeffentlichte sie in seinem Buch : Fruehe Britische Trassenpfade. Spaeter wurde seine Theorie auch von anderen aufgegriffen und wird heute unter dem Namen : "Der alte gerade Pfad" in der Wissenschaft behandelt.

Watkins fand heraus, dass gewisse heilige Staetten des Altertums in geraden Fluchtlinien erbaut worden waren. Diese Linien erstreckten sich ueber viele Meilen und stimmten mit den praehistorischen Trassen ueberein, die in den Anfangszeiten des Reisens entstanden waren, als die Menschen noch von einem Markierungspunkt zum naechsten eilten, wobei sie bemueht waren, ihr Ziel auf dem schnellsten Wege zu erreichen. Der schnellste Weg war die gerade Verbindungslinie vom Anfangspunkt der Reise zu seinem Endpunkt. Die Markierungspunkte einer langen Reise lagen also so, dass moeglichst wenig von der Ideallinie abgewichen werden musste. Nur ein auf der Linie liegender Sumpf oder ein nicht zu bewaeltigender Steilhang konnte eine leichte Abweichung rechtfertigen.

Die Markierungspunkte, die so angeordnet sein mussten, dass sie vom zuletzt erreichten Punkt sichtbar waren, bestanden aus megalithischen Steinen, Steinkreisen und Grabhuegeln, alten Steinkreuzen und Kreuzwegen, heiligen alten Baeumen oder deren urspruenglichen Standorten, heiligen Brunnen, alten Siedlungen, Thingstaetten und anderen Versammlungsorten, Einsiedeleien, auf vorchristlichen heiligen Staetten erbauten Kirchen und Kapellen, Leuchtfeuern auf den Bergen, alten Wachttuermen, Steinpyramiden auf Bergruecken, Einschnitte in Huegeln und aehnlichen natuerlichen oder kuenstlich geschaffenen Merkmalen, die als Orientierungshilfe verwendbar waren.


Er stellte auch fest, dass noch heute existierende Strassen auf grossen Strecken auf diesen Linien von Monument zu Monument verliefen. Diese Strassen waren oft auf den Rang von Nebenstrecken herabgesunken, weil sie die grossen Staedte nicht beruehrten, teilweise waren auch nur noch Ueberreste, wie alte Steinbruecken ueber Baeche, von ihnen vorhanden. Watkins war von dieser Entdeckung so fasziniert, dass er den Rest seines Lebens damit zubrachte, Ueberlieferungen und physisch vorhandene Beweise zu sammeln, um seine zunaechst nur intuitiv entstandene Idee zu stuetzen. Im Jahr 1925 brachte er dann sein Buch "Der alte gerade Pfad" heraus, in dem er den von ihm erforschten gesamten Komplex des "Ley - Systems" , wie er es nannte , vorstellte. Das Buch ist eine Zusammenstellung alter Legenden und Braeuche, altertuemlicher Besonderheiten und seinen eigenen topographischen Beobachtungen, die allesamt auf eine Schlussfolgerung hinausliefen :

 
Die vom Menschen verursachte Gestaltung der britischen Landschaft mit all ihren Trassen, heiligen Staetten, Monumenten und Siedlungen und den mit diesen verbundenen Traditionen ist nicht aus dem Zufall heraus, sondern ueber Jahrtausende hinweg aus einer, von den atlantischen Landvermessern zu Beginn angelegten Konfiguration entstanden.

Er entdeckte hinter den modernen Strukturen des Landes ein Netz von Linien und Zentren, arrangiert nach universellen Prinzipien, aber ueberall in Bezug zu den oertlichen topographischen Gegebenheiten und den jahreszeitlich relevanten Stellungen der Himmelskoerper gesetzt. Dies ist nichts anderes, als das aus der gleichen alten Zeit vor etwa 5000 Jahren stammende chinesische "feng - shui", die alte chinesische Wissenschaft der Landschaftsarchitektur. Diese Form der sogenannten Geomantie wurde also offenbar auch von den atlantischen Landvermessern beherrscht und dies beweist einmal mehr, dass das urspruengliche alte Wissen allen alten Kulturen in gleicher Weise bekannt war. Es war von den "Goettern" sowohl der atlantischen wie der iranisch - indischen wie auch der chinesischen "Quellkultur" als Starthilfe mitgeteilt worden.

Watkins selbst war kein Astronom , aber er fand anfangs selbst und dann mit Unterstuetzung von Admiral Somerville, dem letzten lebenden Astronomen aus der Aera Lockyer heraus, dass mehrere seiner Leys, die er urspruenglich auf Grund topographischer Zusammenhaenge aufgespuert hatte, nach den Sonnenwendpunkten der Zeit um 3000 v. Chr. ausgerichtet waren, und damit mit Lockyers astronomischen Ausrichtungen uebereinstimmten. Die anfaengliche Begeisterung , die seine Veroeffentlichungen ausloesten, und die zur Bildung des "Old Straight Track Club" fuehrten, legte sich bald infolge der Ablehnung , die er von der konservativen englischen akademischen Archaeologie erfuhr. Immerhin wurden die Forschungsergebnisse , die umfangreiches Material ueber die Leys in Grossbritannien und darueberhinaus enthalten, dem Museum von Hereford uebergeben und werden dort aufbewahrt.

Ein deutsches "Gegenstueck" zum Englaender Watkins fand sich in dem evangelischen Pfarrer Wilhelm Teudt, einem Zeitgenossen. Er fand, unabhaengig von den Ideen Watkins und ganz auf germanisch - deutsch abhebend, heraus, dass, ausgehend vom Teutoburger Wald mit den Externsteinen und der ehemaligen Irminsul, die erwiesenermassen in der kulturellen und religioesen Anfangsgeschichte Deutschlands oder besser Germaniens eine grosse Rolle spielte, sich ein System von Fluchtlinien ergab, das alle heiligen Staetten des gesamten noerdlichen Deutschlands miteinander verband.

Nach Teudt lassen sich die astronomischen Beziehungen dieser Orte von der alten Abfolge der Festtage ableiten. Von ihren Versammlungsstaetten haetten die Leute damals die Sonne in Richtung eines bekannten Merkmals ausgemacht. Dies war sowohl eine spirituelle Aufforderung wie auch eine praktische Moeglichkeit zur Festlegung des Festtagsdatums . Man machte dann diese Merkmale selbst zu Heiligtuemern, bei denen wieder der Bedarf nach neuen Peilpunkten entstand. So erhielt man allmaehlich ein Netz von gerade verlaufenden Linien , das sich ueber ganz Norddeutschland erstreckte.

Im Jahr 1929 veroeffentlichte er dann sein Buch "Germanische Heiligtuemer" dessen nationalistische Parolen von der Ueberlegenheit der germanischen Rasse in gewissen Kreisen gerne aufgenommen wurden und leider den wissenschaftlichen Inhalt seiner Erkenntnisse ueberdeckten. Im Grunde hatte er fuer Norddeutschland, das ja auch zum atlantischen Siedlungsraum gehoerte, genau das gleiche wie Watkins in England festgestellt, dass naemlich alle heiligen Orte in einem astronomisch ausgerichteten Netz lagen. Ueber die Entstehung dieses Netzes war er zwar anderer Meinung als Watkins, aber das lag moeglicherweise nur an seiner zeitbedingten "germanischen" Verblendung. Vielleicht fehlte ihm aber auch die innere Beziehung zum atlantischen Gedankengut, die viele Briten aufgrund ihrer intensiven atlantischen Geschichte auszeichnet.

Auch in Frankreich fanden sich Vertreter der Ley - Theorie auf der Basis eigener Untersuchungen. So gibt es einen Pfarrer in der Naehe des alten geographischen Zentrums Galliens, Alesia, der weitreichende Untersuchungen ueber die Namensgleichheit oder zumindest Namensaehnlichkeit von Orten machte, die auf geraden Linien lagen, die sich oft hunderte von Kilometern ueber das Land hinzogen. Er stellte fest, dass Alesia, bei dem Caesar die Gallier entscheidend schlug, und damit Gallien praktisch eroberte, der Ausgangspunkt vieler dieser Linien war. Offenbar befand sich hier ein altes Heiligtum aus atlantischer Zeit , das, aehnlich wie die Externsteine im Teutoburger Wald in Deutschland, eine zentrale Bedeutung hatte. Auch die Tatsache, dass bei diesem heute unbedeutendem Ort die entscheidende Schlacht gegen die Roemer geschlagen wurde, weist darauf hin. Die Parallele zur Schlacht im Teutoburger Wald, bei der allerdings die vereinten Staemme der Germanen die Roemer schlugen und damit die Besetzung und Eroberung Germaniens verhinderten, ist unverkennbar.

Auch in Frankreich verlaufen noch heute viele Strassen, oft in der Form von Nebenstrecken auf solchen "Leys". Die aehnlichlautenden Ortsnamen helfen tatsaechlich oft bei ihrer Auffindung. Ein Beispiel fuer die Trassen der alten Atlanter in Frankreich ist folgendes:

Es gibt es auf einer Linie, die, grob vermessen, in Richtung Ost - 35.5- Nord zwischen dem ehemaligen atlantischem Hafenplatz St. Vincent sur Yard und der heutigen Suedstadt von Tours, Joue le Tours ueber 200 Km verlaeuft , drei Orte mit der Bezeichnung Moutiers im Namen und etwa auf der Haelfte der Strecke vom Hafen nach Tours liegt die alte Stadt Thouars. Die Strasse verlaeuft im noerdlichen Teil, in dem das Gelaende relativ eben ist, mit einer maximalen Abweichung von fuenf Kilometern von der Ideallinie. Im suedlichen Teil, in dem es durch die Berge der Vendee geht, betraegt die maximale Abweichung 10 Km.

Wenn diese Abweichung , die relativ gross erscheint , nicht akzeptiert wird, betraegt der Anfangswinkel Ost - 42,5- Nord , verlaeuft mit diesem Winkel bis zur Ueberschreitung der Berge und fuehrt dann unter dem Winkel Ost - 20- Nord ueber 35 Km auf die Ideallinie zurueck.

Auf dieser Linie liegen am Atlantik bis Km 14 die Dolmen und Menhirfelder von le Bernard und Avrille, "das Carnac der Vendee" ; bei Km 63 die Antimon- und Uranminen des Mont Mercure, die wahrscheinlich zur Zeit der Atlanter auch Blei und Zinn geliefert haben; bei Km 83 der Dolmen von le Pin; bei Km 120 die alte Stadt Thouars ; bei Km 137 das Dolmenfeld von Les Trois Moutiers ; bei Km 159 das alte Koenigsschloss Chinon; bei Km 178 das Schloss Azay le Rideau; und endlich bei Km 200 die alte Stadt Tours mit dem Uebergang ueber die Loire. Die Kilometerangaben sind in der Luftlinie gemessen, die tatsaechlichen heutigen Strassenkilometer betragen etwas mehr .

Ein Beispiel aus Norddeutschland ist die Verbindung der frueheren Flussuebergaenge bei Bremen und Hamburg ueber Zeven und Buxtehude. Die Abweichung von der Ideallinie betraegt hier nur zwei Kilometer. Eine andere, weitgehend erhaltene Trasse aus atlantischer Zeit laeuft vom Elbuebergang Wedel - Buxtehude durch die Lueneburger Heide nach Celle, im wesentlichen gleichlaufend mit der heutigen Bundesstrasse 3. Die Trasse fuehrte dann weiter in Richtung auf die Blei- und Silberminen im Harz, die moeglicherweise frueher auch Zinn geliefert haben und die, wie die Silber, Zinn und Kupferminen im Gebiet der oberen Elbe im Erzgebirge, sicher entscheidenden Anteil am Interesse der Atlanter fuer Norddeutschland und die Hafenplaetze an der Muendung der Elbe, wie Buxtehude und Stade, hatten.


Die an diesen Trassen einst vorhandenen Menhire und Dolmen, die in Norddeutschland "Huenengraeber" genannt werden, sind leider teilweise der Landwirtschaft zum Opfer gefallen. Aus den grossen Steinen wurden Gedenksteine fuer Kriegsgefallene oder Fundamentsteine fuer Kirchen. Bei Restaurierungsarbeiten an den Kirchen werden sie manchmal wieder ausgegraben . Nur Graeber , die in Waldstuecken oder an landwirtschaftlich nicht nutzbaren Stellen lagen, blieben erhalten. . Die mit grosser Wahrscheinlichkeit einstmals ebenfalls vorhandenen Menhire, die in den damals noch baumarmen Ebenen und leichten Huegeln als Peilpunkte dienten, haben zum Teil die bereits genannte Verwendung gefunden. An ihrer unveraendert gebliebenen Menhirform sind sie immer noch leicht zu erkennen. Wer sie sucht, findet sie oft an neuen Orten, meist in der Naehe von heutigen Friedhoefen .

 

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Lesen Sie hierzu, umfassend und uebersichtlich dargestellt :

DIE GESCHICHTE VON ATLANTIS, der vergessene Ursprung unserer Kultur
von Karl Juergen Hepke
TRIGA - DER VERLAG, 2.Aufl. 2008, Hardcover, 268 Seiten, Eur 22,00 , ISBN 978-3-89774-539-1

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