Themen und Darstellungen zur alten Geschichte

 

Der Streit um Troja

Troja ist, wie aus den verschiedenen TOLOS Artikeln hervorgeht, eine bedeutende Stadt im atlantischen Reich der Bronzezeit gewesen. Unter der Leitung von Professor M. Korfmann wird hier seit 1982 wieder an Ausgrabungen gearbeitet. Ueber die Bedeutung dieser Ausgrabungen und ihre Interpretation gibt es, wie ueblich, geteilte Meinungen.
Im Folgenden wird hierzu die im Internet veroeffentlichte Stellungnahme der Ausgrabungsleiter wiedergegeben, weil sie interessante Einblicke in die heute uebliche Vorgehensweise und die auftretenden Probleme sowohl materieller wie auch geistiger Art gibt.

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Projekt Troia

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Institut für Ur- und Fruehgeschichte und Archaeologie des Mittelalters,

Universität Tuebingen, BRD

Department of Classics, University of Cincinnati, USA

Kontroverse um das spaetbronzezeitliche Troia (Troia VI und VII)

Stellungnahme von Prof.M.Korfmann zu: "Traumgebilde" (mit einer Ergaenzung von Prof. Ch.B.Rose)

Redaktionelle Anmerkung: Stellungnahme zu den kuerzlichen Interviews des Tübinger Althistorikers Prof.F.Kolb mit verschiedenen Zeitungen ( Berliner Morgenpost v.17.7.2001, u.a.m.), mit einer Zusatzerklaerung von Prof.Ch.B.Rose. Ein Plan und einige Abbildungen (Bodenaufnahmen und Luftbilder) sind zur Verdeutlichung der Ausfuehrungen verfuegbar.

Zu: "Traumgebilde":

Die Praehistorische Archaeologie beschaeftigt sich mit der Fruehzeit der Menschheit und hat somit ueblicherweise keine Schriftquellen zur Verfuegung. Sie arbeitet deshalb mit den verschiedensten Methoden, um Erkenntnisse zu gewinnen. Sie muss den „Boden zum Sprechen bringen“ und dabei das Vorgefundene moeglichst objektiv schildern und interpretieren. Dabei sind Analogieschluesse, voelkerkundliche Vergleiche, der "gesunde Menschenverstand" und nicht zuletzt auch die sogenannten Nachbarwissenschaften fast gleichrangig behilflich. Mein Tuebinger Kollege Uerpmann, Archaeobiologe, drueckt es pointiert so aus, dass wir Praehistorischen Archaeologen eine kleptomanische Wissenschaft seien. Jedenfalls sind zahlreiche Wissenschaften im Troia-Projekt vereint, natuerlich auch die Alte Geschichte. Wir argumentieren folglich nicht unbedingt nur innerhalb der Massstaebe der Geschichtswissenschaften.

Das Ausgraben bedarf einer bestimmten Technik und aehnelt darin einer medizinischen Operation. Diese Taetigkeit kann man gut oder weniger gut durchfuehren. Herr Kolb meint, wie ich hoere, dass das bei uns „in Ordnung sei - technisch“. Auch die Analysemethoden im Hinblick auf Datierungsfragen seien in guten Haenden. Damit, so meine ich, ist ja schon viel gewonnen, fuer jeden, der das Material und die Grabungsbefunde ebenfalls interpretieren moechte. Das kann unabhängig von den seitens des Troia-Projektes geaeusserten Meinungen relativ kontinuierlich - und nicht erst Jahre spaeter- geschehen, denn hinsichtlich der Schnelligkeit der im Druck vorgelegten Grabungsberichte kann man uns schwerlich etwas vorwerfen (Jahresbaende Studia Troica).

Unser oder mein Problem, so Kolb, sei dasjenige der Interpretation. Troia sei kein auch nur halbwegs bedeutender Handelsplatz gewesen, weswegen unsere Vorstellung einer dicht bebauten Unterstadt ein Fantasiegebilde sei.

Wenn dieses Troia ein Siedlungsort waere, der nicht prominent in der Geschichtswissenschaft auftauchte („Troianischer Krieg“ - ja oder nein), also lediglich Hisarlik hiesse, wuerde unser Tun, samt abwaegenden Interpretationen, als voellig adaequat eingestuft werden. Gewiss wuerde man auf diesem schwierigen Feld stets Interpretationsspielraeume haben, auch gegensaetzliche Meinungen. Unter Praehistorikern ist jedoch zumeist ein Konsens darin zu erreichen, innerhalb welcher Spannweite der Auslegungsmoeglichkeiten man sich befindet.

Verstaendlicherweise geht man bei jedem Siedlungsort in der Frage nach seiner Bedeutung davon aus, wo sich ein solcher Ort geographisch befindet. Im Falle Troias ist dies zweifellos eine geopolitisch sehr wichtige Stelle. Deshalb wurde der Ort in vorgeschichtlicher Zeit rund 2000 Jahre lang kontinuierlich besiedelt. Er wurde aber diese ganze lange Zeitspanne hindurch auch kontinuierlich stark befestigt, und deshalb ist er ein herausragender Platz innerhalb der gesamten Landschaft. Das impliziert die Frage: Wofuer? Logischerweise bietet sich die Schifffahrt an, also Handel. Ich selbst kann eine andere Quelle für die in Troia Jahrtausende überdauernde Prosperitaet des Ortes, das Bestreben, den Ort immer wieder zu befestigen, nicht sehen. Sollen die Gegner einer derartigen Einschaetzung, zum Beispiel Herr Kolb, die Gruende nennen, woher Troias Herren ihre offenkundig auch oekonomische Macht bezogen. Womit konnte man Handel treiben? Aus frueheren Zeiten (Schatzfunde des 3. Jahrtausends v. Chr.) und spaeteren Zeiten (griechische Zeit des 1. Jahrtausends v. Chr.) duerfen wir folgern, dass hier an Dardanellen und Bosporus weitraeumiger Handel betrieben wurde, wobei der Schwarzmeerraum inklusive Kaukasus sicherlich stark mit zu beruecksichtigen ist. Wenn wir die Friedhoefe des 2. Jahrtausends v. Chr. für Troia zur Verfuegung haetten, waere die Antwort auch fuer diese Zeit relativ einfach, da dann die im allgemeinen wertvollen Beigaben uns Hinweise geben wuerden. (Auch deshalb haben wir die Grenzen der Unterstadt von Troia VI genau zu definieren versucht, um bei der gezielten Suche nach der Friedhofsregion voranzukommen. Sie zu identifizieren ist die naechste Tuebinger Forschungsaufgabe.)

Der Schwarzmeerraum hatte immer Metalle anzubieten, insbesondere Kupfer. Ein maechtiger Riegel von Kupferlagerstaetten zieht sich von den Karpaten über Bulgarien nach Nordanatolien und in den Kaukasus. Dann kommt auch das Silber der Nordtuerkei und das Silber und Gold des Kaukasus ins Blickfeld und nicht zuletzt Zinn aus Zentralasien, das man fuer die Bronzeherstellung benoetigte. Zinnlagerstaetten gibt es nur an wenigen Plaetzen der Erde, unter anderem in Afghanistan. Dass man schon im 3. Jahrtausend v. Chr. wie auch immer geartete Kontakte nach Afghanistan hatte, belegt eine Lapislazuliaxt. Nur dort gibt es im Bereich der Alten Welt das Rohmaterial. Warum sollte es diese Kontakte nicht auch im 2. Jahrtausend v. Chr. gegeben haben? Die Analysen der Metallgegenstaende aus Troia in Freiberg/Sachsen (Prof. Pernicka) weisen uns immer wieder in diese Himmelsrichtungen jenseits des Schwarzen Meeres.

Im 2. Jahrtausend v. Chr. kommt ploetzlich in Troia das Pferd auf (genau zu Anfang von Troia VI), das eigentlich ein kaelteliebendes (Steppen-)Tier ist. Als Zugtier für die in dieser Zeit ganz neue, zerstoererische Waffe, den zweiraedrigen Streitwagen, war es ein aeusserst wertvolles Handelsobjekt. Hieran arbeitet die Archaeobiologie unter Prof. Uerpmann (Tuebingen).

Erstaunlich finde ich, dass man sich an die in jeder Hinsicht faszinierende Burgmauer von Troia offenbar schon so gewoehnt hat, dass sie in ihrer Grossartigkeit schon gar nicht mehr zaehlt. Immerhin war deren Maechtigkeit und die handwerkliche Qualitaet eines jeden Steins bislang Grund genug, um allein mit diesem Bauwerk das gesuchte Troia zu identifizieren. Millionen von Touristen bestaunten bisher die Anlage, die aus einer Zeit stammt, in der die Technologie zur Herstellung von Eisen noch nicht bekannt war und zu dem es noerdlich von Tiryns und Mykene nichts Vergleichbares gibt. Der praehistorische Archaeologe wird in diesem geographischen und baulichen Zusammenhang nur in Richtung Macht - Reichtum - Handel denken wollen. Uebrigens wuerde man von Tiryns und Mykene, die (bisher) keine Unterstadt der Art von Troia aufweisen koennen, sagen, dass sie nur lokale Bedeutung hatten ? Die Bauwerke sind dort nicht eindrucksvoller als diejenigen in Troia.

Wenn Herr Kolb der Ansicht ist, dass Troia „zweifellos ein wichtiger Fuerstensitz gewesen ist“, dann sind wir uns eigentlich schon recht nahe. Aber es habe keine Unterstadt gegeben. Er setzt mich mit einem Herrn Daeniken gleich, wegen der „Vorstellung, daß Troia von einer dicht besiedelten Unterstadt umgeben gewesen sei“, was er in das Reich der Fantasie verweist. Dass dies eine Beleidigung nicht nur für die zahlreichen Wissenschaftler der Grabungsmannschaft ist, sondern auch fuer alle, die das Troia-Projekt unterstuetzen, so die Universitaet Tuebingen, diverse wissenschaftliche Foerderinstitutionen und alle staatlichen Einrichtungen, die an der Ausstellung beteiligt sind, dessen muss sich Herr Kolb bewusst sein. „Es gibt keine Hinweise auf eine grossflaechige geschlossene Bebauung ausserhalb der Zitadelle“. Aus den dort vorgefundenen „Haeusern kann er (Korfmann) keine Grundrisse machen, bietet diese aber in seinen Veroeffentlichungen an“. Schon deshalb habe er (Kolb) keinen Grund, seinen Vergleich, Korfmann sei der „Daeniken der Archaeologie“, zurueckzunehmen.

Hier hat er meines Erachtens Unrecht. Es gibt solche Hinweise. Wie sonst soll der Archaeologe argumentieren, wenn nicht mit den von ihm ausgegrabenen Flaechen? Jeder, dem es ehrlich um die Sache geht, moege nach Troia kommen und sich das kuerzlich im „Schatten“ der beiden hellenistischen Tempel und des roemischen Heiligtums ausgegrabene Stadtviertel ansehen (s. Plaene als Anlagen).

Die Steinfundamente sind sehr solide, die Gebaeude sind regelhaft gebaut, sie haben im Inneren Feuerstellen, Podeste und sonstige Einrichtungen. Sie sind deshalb dort so gut erhalten, weil man ueblicherweise innerhalb der Umfassungsmauern eines Heiligtums nicht staendig Baumassnahmen vornimmt, wie es in den anderen Gebieten der Unterstadt waehrend der achthundertjaehrigen Besiedlung (!) in griechischer und roemischer Zeit der Fall war. Dort, wo die hellenistisch-roemischen Gebaeude und Altaere des Heiligtums stehen, koennen wir verstaendlicherweise nicht ausgraben. Dadurch muessen gewisse Luecken entstehen.

Aber auch in anderen Bereichen, wo die griechische und roemische Stadtbebauung war und wo man bei den fast stets bis auf den Fels fundamentierten Neubauten die alten Mauern als „Steinbruch“ genutzt hatte, haben wir genuegend Hinweise auf eine aehnliche Bebauung mit massiven Steinhaeusern.

Die ganze Unterstadt war von einem in den Felsen gehauenen (kleinen) Graben umgeben, der aber breit genug war, um beispielsweise Streitwagen stoppen zu koennen. Eine 10 m breite Durchfahrt war durch ein zweifluegeliges Holztor mit Zwischenraeumen von je 2.5 m verschliessbar. Dass es solche Durchfahrten geben musste, ist selbstverstaendlich. Soweit der archaeologische Befund.

Wie gesagt, wir Praehistorischen Archaeologen muessen staerker als andere Altertumswissenschaften mit anderen Disziplinen zusammenarbeiten und dabei kombinieren und interpretieren.

An der wichtigen Grenzschwelle zur Geschichte ueberschneidet sich unser Fach mit dem der Historiker, die mit Schriftquellen arbeiten. Das Interesse an unserer Arbeit wird an dieser Stelle automatisch zum Konflikt innerhalb der Disziplinen der Altphilologen, aber auch der Althistoriker, neuerdings auch der Altanatolisten. Die Problematik, auch in ihrer Schaerfe, kennen wir seit Schliemann. Da stossen „Schulen“ oder eher Glaubensrichtungen aufeinander. Und wir mit unserer Arbeit vor Ort sind mitten in den Auseinandersetzungen. Um seine Position zu rechtfertigen, scheint es am einfachsten zu sein, nicht unsere Arbeit als solche, sondern die „Tendenz“ in Frage zu stellen, insbesondere, wenn sie - dank der Macher der Troia-Ausstellung - an die Oeffentlichkeit geht.

Eine Tendenz meinerseits ist da. Sie hat sich im Verlauf der Jahre eingestellt. Es gab einmal eine Zeit, da Troia/Ilios die Eigenschaft abgesprochen wurde, ueberhaupt eine Stadt gewesen zu sein (Kolb 1984), und es gab und gibt viele, die auch heute noch meinen, dass die Stadt Troia der Ilias nicht mehr als „eine poetische Schöpfung“ sei (Kolb 2001). Andere gingen und gehen seit Schliemann davon aus, dass Homers Handlungskulisse historisch ist, dass die Ilias auch als Geschichtsbuch gelesen werden koenne.

Es war nie unser Ziel, Homer zu verifizieren oder zu falsifizieren. Aber nach mittlerweile 21 Grabungssommern in der Troas kommt man bei der 4000jaehrigen Troiageschichte an Homer nicht vorbei. Hier vor Ort sind wir konkret mit allen Vorstellungen konfrontiert, die es zu diesem Themengebiet gibt, ohne jedoch das letzte Wort haben zu wollen. Das sollen andere sprechen, wenn es denn je moeglich sein wird. Wir Archaeologen finden zumindest die Kulisse für einen Troia/Ilios - Schauplatz, wie ihn Homer um 720 v.Chr. im Sinne hatte, als er sein Epos mit dem damals in Ruinen liegenden Ort verband. Das sagt jedoch nichts aus über die Realität eines „Troianischen Krieges“. Zu diesem Fragenkomplex befrage man die moderne (!) Homerphilologie (z.B. Joachim Latacz, Basel) und die Altanatolistik (z.B. Frank Starke, Tübingen), nicht uns Archaeologen.

Wir, die wir nach deren Meinung ganz offensichtlich in (W)Ilios/Wilusa graben, sehen keinen Anlass, den Ergebnissen dieser Disziplinen zu widersprechen. Sie haben in den letzten drei bis fuenf Jahren zunehmend bessere Argumente, sowohl für einen historischen Kern als auch für die Gleichsetzung von (W)Ilios mit dem in hethitischen Quellen bekannten Wilusa. Nur muss man diesen neuesten Forschungsstand kennen und mit diesen Spezialisten diskutieren.

Ob Homers Troia nicht mehr ist als „eine poetische Schoepfung“ (Kolb) oder ob sie auch so etwas wie einen historischen Kern hat, moegen folglich andere Wissenschaften beurteilen. Wir aber hier in „Troia/Wilusa“ wollen jetzt mit Steinen, Knochen und Scherben weiter arbeiten. Wissenschaftler und Journalisten sind willkommen, sich vor Ort in diesem Fragenfeld kundig zu machen.

Alljaehrlich kann man in dem umfangreichen wissenschaftlichen Jahrbuch „Studia Troica“ den Fortschritt der Forschungen in und um Troia genau verfolgen. Dazu bedarf es nicht der Medien. Im uebrigen werden die Forschungsergebnisse zur „Unterstadt von Troia VI/VII“ seit vielen Jahren im Rahmen des Gutachterverfahrens der Deutschen Forschungsgemeinschaft in muendlicher Sitzung im grossen Kollegenkreis bewertet, und in schriftlicher Form ebenfalls. Auch dort pflegt man zu diskutieren!

Selbstverstaendlich stuende ich auch innerhalb der Universität Tübingen für eine Diskussion zur Verfügung - nur wurde ich nicht dazu aufgefordert. Gelegenheiten gab es genug, auch in Verbindung mit den zahlreichen Vortraegen, die ich im Umfeld der Ausstellung in Tuebingen und Umgebung gehalten habe. Jedenfalls hat mich Herr Kolb auf das Thema Troia seit mindestens zwei Jahren nicht einmal andeutungsweise angesprochen.

Ausserdem biete ich, auch Herrn Kolb, gerne die Gelegenheit zu einer sachlichen Diskussion über diese Thematik anlaesslich meines Vortrags ueber die neuesten Grabungsergebnisse am 27. Oktober 2001 in Tuebingen. Troia, den 27. Juli 2001

Manfred Korfmann
Leiter der Ausgrabungen

(Anmerkung: Der vorstehende Text wurde gegenüber der ersten Wiedergabe an einigen Stellen am 8.8. erweitert bzw.ergaenzt)

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Ergänzender Kommentar des Klassischen Archaeologen Prof.Ch.B.Rose (Cincinnati)
zu den spaetbronzezeitlichen Funden und Befunden in der Unterstadt.

Das englische Original ist auf englisch abzurufen, die nachstehende deutsche Uebersetzung seines Textes wurde uns von Prof.Rose übermittelt
(Prof.Rose ist in Troia verantwortlich für die Erforschung der nachbronzezeitlichen Schichten Troia VIII bis X):

Antwort auf Prof. Frank Kolbs Anschuldigungen

Die Unterstadt des griechischen und roemischen Ilion mißt 609.734 m2 (ausgehend von Doerpfelds Rekonstruktion der Stadtmauer). Weniger als 1 Prozent der Unterstadt wurde ausgegraben. Aber selbst in solch begrenztem Gebiet kamen in jedem Grabungsareal spaetbronzezeitliche Siedlungsreste zutage. Es gibt dort Kochgefaesse, Alltagsgeschirr und Wasserkruege - mit anderen Worten, Ueberreste von Haushaltsaktivitäten, insbesondere aus Kuechen.

Nur ein Gebiet der Unterstadt ist auf groesserer Fläche ausgegraben worden, das Areal IKL17/18, und dieses Gebiet hat eine betraechtliche Anzahl von spaetbronzezeitlichen Mauern und Siedlungsresten erbracht. Das ist deshalb besonders bemerkenswert, weil in spaeterer Zeit die Roemer bei ihren Bauaktivitäten eher die aelteren Mauern ausraubten, anstatt neue Steine zu brechen. In der Tat, fast alle Mauern aus der hellenistischen und fruehroemischen Zeit sind von den spaetroemischen Hausbauern abgetragen worden.

Wenn wir nicht schriftliche Quellen haetten, die aufzeigen, dass Ilion eine gut besiedelte Stadt waehrend der roemischen Zeit war, waere es schwierig, dieses auf der Grundlage der existierenden Mauern nachzuweisen. Aus diesem Grund ist es besonders hervorhebenswert, daß wir so viele bronzezeitliche Mauern aus einem Gebiet haben, das so schwerwiegend ausgeraubt worden ist. Was diese Ausgrabungsgebiete sehr klar gezeigt haben, ist das enorme Potential der Unterstadt als Zeugnis für die spaetbronzezeitliche Besiedlung. Die Entdeckung so vieler spaetbronzezeitlicher Haeuser im Heiligtum demonstriert dasselbe.

Ich moechte hinzufuegen, dass in den zivilen und religioesen Gebieten von Ilion - im West-Heiligtum, im Heiligtum der Athena und im Gebiet der Agora - viele bronzezeitliche Gebaeude erhalten geblieben sind, einschliesslich eines Teils der Befestigungsmauer der Unterstadt. Das kommt vornehmlich daher, daß diese (roemischen) Bauanlagen hunderte von Jahren ueberdauerten, und deshalb die aelteren (bronzezeitlichen) Strukturen darunter weniger beeintraechtigt worden sind. Aber in der Unterstadt, wo man Haeuser jeweils nach einigen Jahrzehnten zerstoerte, abbaute und erneuerte, wurde der aeltere Architekturzusammenhang immer wieder unterbrochen.

30. Juli 2001 -

Prof. Dr. Charles Brian Rose
Professor für Klassische Kunst und Archäologie
Direktor des Department of Classics
University of Cincinnati

Tübingen editor: Hans G. Jansen (email: hans.jansen@uni-tuebingen.de)

Cincinnati editor: John Wallrodt (email: john.wallrodt@classics.uc.edu)

Date Last Modified: 28/Aug/01

By: HGJ

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