Das Reich von Toulouse (40a)

von Karl Juergen Hepke

 

Alarich hatte keinen Sohn hinterlassen. So wurde sein Schwager Athaulf zum Koenig gewaehlt. Wirren in Rom ermoeglichten den Goten im Jahr 412 das zerstoerte Italien zu verlassen und nach Gallien zu ziehen. Hier erhielten sie neue Versprechungen, die wieder zurueckgezogen wurden. Beim Kampf um Marseille waere Athaulf beinahe zu Tode gekommen.

Im Januar heiratete er die Kaisertochter Galla Placida, eine Beute aus der Eroberung Roms. Die Hochzeit erfolgte in roemischem Stil. Dabei soll er die Absicht ausgesprochen haben, die "Romania durch die Gothia" zu ersetzen. Als er erkannte, dass die Goten wegen ihrer "zuegellosen Barbarei" niemals ein nach roemischen Recht lebendes Gemeinwesen bilden koennten, wollte er unter dem Einfluss Galla Placidas der Erneuerer Roms werden. Nach knapp einem Jahr wurde ihm von Galla Placida ein Sohn geboren, der nur kurze Zeit lebte . Bald darauf wurde Athaulf ermordet .

Sein 415 gewaehlter Nachfolger Valia einigte sich 415 mit dem Reichsfeldherrn Constantius, lieferte Galla Placida aus und erhielt einen Buendnisvertrag , genuegend Getreide und den Auftrag, Spanien von inneren und aeusseren Feinden zu befreien. Die silingischen Vandalen und die nach Spanien eingedrungenen Alanen verloren in den Kaempfen mit den Goten ihre Koenige und vereinigten sich mit den hasdingischen Vandalen. Bevor auch diese von den Goten angegriffen wurden, rief die kaiserliche Regierung sie nach Suedgallien zurueck mit der Genehmigung, hier sesshaft zu werden.

Constantius, der Reichsfeldherr und spaetere dritte Kaiser dieses Namens, erwirkte 418 ein kaiserliches Gesetz, das die Versammlung der sieben suedgallischen Provinzen wiederherstellte. Durch Verfuegung von Constantius erhielten die Goten auf dieser Versammlung die Aquitania II sowie einige Stadtbezirke der benachbarten Provinz Populonia und Narbonensis I mit der Hauptstadt Toulouse zur Ansiedlung.

Dies geschah mit Einverstaendnis des senatorischen Adels und der staedtischen Mittelschicht Suedgalliens. Die Goten sollten die aeusseren Barbaren bekaempfen und im Inneren die bestehende Sozialordnung gegen einheimische Feinde, die Bagauden, schuetzen. In Folge der Durchzuege von Vandalen, Alanen und Sueben waren in Suedgallien chaotische Verhaeltnisse entstanden und die Goten wurden gebraucht und deshalb aus Spanien zurueckgerufen, um wieder Ordnung herzustellen.

Der erste Koenig des hierdurch neu entstehenden Gotenreichs von Tolosa (Toulouse) war Theoderid, auch Theoderich I genannt. Bei seiner Inthronisierung war er kaum aelter als 25 Jahre. Er hatte sechs Soehne: Thorismund, Theoderich, Friderich, Eurich, Retemeris (Rikimer) und Himnerith. Ausserdem zwei Toechter, deren Namen nicht bekannt sind. Unbekannt sind auch die Namen der Muetter. Man kann hieraus sehen, dass, wie in den Stammbaeumen Israels, auch in den Stammbaeumen der Goten die Herkunft der Muetter, von denen es mehrere gab weil die Fuersten mehrere Frauen hatten, durchweg uninteressant war. Hier lebte, offenbar aus praktischen Gruenden, die alte atlantische Ordnung noch fort, die bei den hohen Verlusten in Kriegen durch hohe Anzahl der Kinder den Fortbestand der Koenigslinie sichern sollte.

Bekannt ist aber, dass der zweite Sohn Theoderich ein Enkel Alarichs I war. Demnach hatte Theoderid unter anderen eine Tochter Alarichs zur Frau. Diese Verbindung zum Koenigsgeschlecht ueber die weibliche Linie war also auch bei den Goten (wie bei den Aegyptern) nicht uninteressant wenn maennliche Nachfolger fehlten. In diesem Fall ermoeglichte sie die offenbar problemlose Thronbesteigung Theoderids.

Allerdings haette dies allein wohl nicht genuegt, wenn nicht auch die materielle Absicherung der Goten unter Theoderid erreicht worden waere. Laut Vertrag erhielten die gotischen Foederaten 2/3 der Steuerleistung ihres Gebietes. Dies war voellig neu und bildete, als es sich bewaehrte, die Vorlage fuer viele spaetere Regelungen, die mit den Burgundern in Gallien, den Vandalen in Afrika, den Angeln und Sachsen in Britannien, dem Heer Odoakers in Italien , den Langobarden und den gallischen Franken getroffen wurden.

Die Herrschaft Theoderids waehrte 33 Jahre und er hinterliess ein Reich, das alles, was bisher in diesem Sinne von den Goten erreicht worden war, bei weitem uebertraf.

Als er 451 in der Voelkerschlacht auf den Katalaunischen Feldern von einem auf Seiten der Hunnen kaempfenden Ostgoten mit dem Speer durchbohrt wurde und starb, folgte sein aeltester Sohn Thorismund auf dem Thron. Anscheinend erwies er sich aber als nicht ausreichend faehig, denn schon zwei Jahre spaeter wurde er von seinen naechstfolgenden Bruedern Theoderich und Friderich getoetet. Der aelteste, Theoderich, wurde Koenig, der juengere, Friderich ,sein Stellvertreter.

Friderich erwies sich als besonders faehiger Heerfuehrer und hatte damit einen hohen Anteil an der folgenden Ausbreitung und Festigung der gotischen Herrschaft. 455 wurde Theoderich sogar zum Kaisermacher als er seinen ehemaligen Erzieher Avitus durch die Reste der roemischen Truppen in Gallien zum Kaiser ausrufen liess und ihm auf seinem Zug nach Italien gotische Waffenhilfe leistete.

Fuer Konstantinopel war Avitus allerdings nur ein Usurpator wie etliche andere und wurde dem zu Folge nicht anerkannt. Er starb im Kampf gegen roemische Truppen, waehrend Theoderich versuchte, das spanische Reich der Sueben zu erobern. 463 verlor Theoderich seinen treuen Helfer Friderich im Kampf gegen roemische und fraenkische Truppen und 466 wurde er selbst vom vierten Theoderid-Sohn Eurich ermordet.

Eurich (466-484) , der neue Koenig, erneuerte nicht den Buendnisvertrag , der bis 466 von den Goten eingehalten worden war, mit dem ohnehin fast machtlosen Rom. Der Vertrag hatte die Goten zu zahllosen Kaempfen mit Bretonen, Alanen, Bagauden und Sueben gezwungen, um die Rechts- und Sozialordnung der roemisch-gallischen Suedprovinzen zu verteidigen. Als Rom praktisch ausfiel, war es Zeit, auch die gotische Politik neu zu orientieren.

Eurichs Ziele waren in Gallien das Land zwischen Atlantik, Loire und Rhone und in Spanien die Anerkennung seiner absoluten Vorherrschaft. Bis 475 war sowohl der gallische wie auch der spanische Widerstand der letzten Provinzroemer gebrochen. Als 476 Romulus Augustulus in Rom durch Odoaker gestuerzt wurde, ueberschritten die Truppen Eurichs auch noch die Rhone und besetzten das Land bis zu den Seealpen.

Eurich gebot damit ueber den bedeutendsten Nachfolgestaat des westlichen Roemerreichs. Auf 3/4 Million Quadratkilometern lebten ca. 10 Millionen Menschen unter gotischer Herrschaft . Staatsrechtlich wurde das Gotenreich aber weder in dem 475 mit Kaiser Nepos geschlossenem Foedus noch in dem mit Koenig Odoaker 477 geschlossenen Vertrag aus dem Roemerreich entlassen.

Zur Konsolidierung des neuen Reiches fehlte noch eine den neuen Verhaeltnissen entsprechende Rechts- und Kirchenpolitik. Doch 484 starb Eurich in Arles.

Sein Nachfolger war sein Sohn Alarich II, noch jung an Jahren und etwa gleichaltrig mit seinem fraenkischen Gegenspieler Chlodwig. Er war kein so grosser Kaempfer wie sein Vater und wird deshalb oft als Schwaechling angesehen , der das Vermaechtnis seines Vaters verspielte. Dabei werden seine Verdienste auf dem Gebiet der friedlichen Reichspflege nicht gesehen.

Seinem Vater Eurich war es nicht mehr gelungen, die historische Gliederung der gallo-roemischen Kirche den neuen Grenzen anzupassen. Daraus entstanden immer wieder Schwierigkeiten, weil viele Dioezesanen und Metropoliten zwar ihren Sitz im Westgotenreich hatten, grosse Teile ihrer Betreuungsgebiete aber im von Franken und Burgundern beherrschten Raum lagen. Ihre Taetigkeit dort konnte leicht wie Verrat an der gotischen Sache wirken und war auf die Dauer nicht zu akzeptieren.

Im gotisch-gallischen Landeskonzil von 506 in Agde sollte dies geregelt werden. Tatsaechlich nahmen 3/4 der Bischoefe des gotischen Gallien an der Synode teil oder liessen sich vertreten. Am 10. September 506 wurden die Abschlussprotokolle unterzeichnet und vereinbart, sich im naechsten Jahr in Toulouse auch mit den spanischen Bischoefen zu treffen und ein Reichskonzil abzuhalten. Die Invasion der Franken machte diesen Plan zunichte.

Das Verhaeltnis zu den noerdlichen Nachbarn hatte sich in Alarichs Regierungszeit erheblich verschlechtert. Als Chlodwig 486 und 487 das Reich des Roemerkoenigs Syagrius angriff, kamen die Franken zum ersten Mal in bedrohliche Naehe der gotischen Grenzen. Syagrius erhielt Asyl in Toulouse. 490 kaempften die Westgoten zur Unterstuetzung des Ostgoten Theoderich (der Grosse) in Italien gegen Odoaker. 502 schlossen Alarich II und Chlodwig bei Amboise "Freundschaft" was wohl ein Nichtangriffspakt sein sollte und die Auslieferung des Syagrius an Chlodwig beinhaltete.

Dieser Pakt sollte wahrscheinlich den Goten den Ruecken freihalten, denn sie waren zunehmend in Spanien aktiv. Ihre Fuersten versuchten, sich immer groessere Teile dieses Landes als Grossgrundbesitz anzueignen und vernachlaessigten die nordgotischen Bereiche in Gallien. 494 und 497 erfolgten die ersten westgotischen Einwanderungen in Spanien. 496 ueberschritten die Franken die Loire. 498 besetzten sie bereits Bordeaux. Waehrenddessen kaempften die Goten im Ebrotal und bei Tortosa gegen Basken und Sueben.

Alarich sah die Gefahr , die seinem Reich durch die Franken drohte und versuchte ohne Erfolg , die Burgunder gegen sie zu mobilisieren. Da das Gotenheer durch die Aktivitaeten in Spanien geschwaecht war, wollte Alarich Zeit gewinnen ,bis Hilfe von den Ostgoten Theoderichs eintraf. Doch die gotischen Fuersten, die seit langem keine Schlacht mehr verloren hatten und sich fuer unbesiegbar hielten, draengten auf eine offene Feldschlacht gegen die Franken.

Bei Vouille in der Naehe von Poitiers stiessen die beiden Heere im Spaetsommer 507 aufeinander. Alarich II fiel, angeblich von Chlodwig im Zweikampf Koenig gegen Koenig erschlagen. Damit galt die Schlacht als fuer die Goten verloren. Das Reich von Toulouse begann seinen Niedergang.

Die Zivilisationsleistungen des Reiches von Toulouse.

In den 90 Jahren seiner Geschichte wurde das tolosanische Reich auf vielen Gebieten zum Vorbild der ersten Koenigreiche Galliens und Iberiens. Die Koenige von Tolosa waren die ersten Gesetzgeber, die mit ihren Kodifikationen den Durchbruch des roemischen Vulgarrechts, das weitgehend den ueberlieferten Rechtsvorstellungen im Volk entsprach, und die Abkehr von der Rechtsentwicklung im kaiserlichen roemischen Osten bewirkte. Das roemische Vulgarrecht unterschied sich vom klassischen Juristenrecht durch Vereinfachung und Anpassung an die Gegebenheiten der taeglichen Praxis.

Schon Theoderid hatte erb- und vermoegensrechtliche Bestimmungen erlassen, die Theoderich II erweiterte und Eurich zum Codex Euricianus ergaenzte. Dieses Gesetzeswerk war noch im 8. Jahrhundert das Vorbild fuer das alamannische und bayrische Recht.

Zum Beginn des 6. Jhdts. wurde dieser Codex zum personalen Recht der Goten. Ihm gegenueber stand das "Breviarium Alaricianum" das die Rechte der "Roemer" unter den Goten, die "Lex Romana Visigothorum", enthielt. Beide Rechtswerke koennen als aehnliche Zivilisationsleistungen der Goten wie die Bibeluebersetzung Wulfilas gelten.

Sie regelten Streitfragen, die sich aus dem Zusammenleben von Roemern und Goten ergaben. Ausserdem Verwahrung, Leihe, Kauf und Schenkung, Testament, verzinsliches Darlehen, Gebrauch und Form von Urkunden ausgestellt vom Koenig oder von Privatpersonen.

Bereits die Rechtsquellen von 475 kennen nur Roemer und Goten. Zu den "Goten " zaehlten nach der gotischen Volksauffassung alle , die sich ihnen angeschlossen hatten und nicht dem roemischen Recht unterlagen. Das waren: Ostgoten, Taifalen, baltische Galinden, thrakische Bessen, Sarmaten, Alanen, Vandalen, Varnen, Sueben, Sachsen, Bretonen u. a.

Die "Roemer" unterschieden sich nach religioesen Gesichtspunkten als gallisch-spanische Provinzialen, als Syrer, Griechen und Juden. Erst ab dem 6. Jhdt. zaehlte man die Juden nicht mehr zu den "Roemern", weil alle anderen zu Christen geworden waren und man Nichtchristen , wie den Juden, das "Roemertum" absprach.Die oestlichen Christen standen mit den katholischen Roemern den arianischen Goten gegenueber.

Aus all diesen Gruenden herrschte lange Zeit zwischen Goten und Roemern ein Gefuehl der Fremdheit. Obwohl die Roemer mit den Goten notgedrungen als "Besatzern" zusammenarbeiteten und dabei die Vorteile der relativen Sicherheit genossen, musste es doch als Illusion angesehen werden, mit Hilfe der Goten das Reich zu retten oder auch nur auf laengere Zeit aufrechtzuerhalten.

Die Roemer suchten deshalb nicht zuletzt in der katholischen Kirche ihre Identitaet aufrechtzuerhalten. Ein anderer Weg war der des roemischen Zivilbeamten oder hohen Militaers, der im Auftrag des gotischen Koenigs handelte. Roemer standen an der Spitze der Zentralverwaltung, ein Roemer befehligte die gotische Atlantikflotte.

Toulouse war schon vor den Goten der Zentralpunkt der suedlichen roemisch-gallischen Grossen gewesen. Das gotische Koenigtum passte sich in diese Tradition ein. Der arvernische Adelige Avitus nahm kurze Zeit nach der gotischen Niederlassung Beziehungen zu Theoderid auf und wurde sein Freund, dem die roemische Erziehung seines Sohns Theoderich anvertraut wurde. Als die Franken einfielen, kaempfte der Avitus-Enkel Apollinaris an der Seite der Goten gegen die Eindringlinge. Man wollte gegenueber den Franken gotisch bleiben, so wie man sich im Anfang als Roemer gegen die Goten gewehrt hatte. Ein Zeichen, dass in den fast 100 Jahren der Gotenherrschaft eine gemeinsame Identitaet gefunden worden war.

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Lesen Sie hierzu, umfassend und uebersichtlich dargestellt :

DIE GESCHICHTE VON ATLANTIS, der vergessene Ursprung unserer Kultur
von Karl Juergen Hepke
Neuerscheinung Anfang 2004, TRIGA-VERLAG, Hardcover, 270 Seiten, Eur 19,80

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