Rom, die Anfaenge und die Republik (15f)

von Karl Juergen Hepke

Etwa in der Mitte zwischen dem noerdlichen etruskischem Zwoelferbund und dem suedlichen "Zwoelferbund", der aber nie die Bedeutung wie das noerdliche Stammland gewinnen sollte, liegt Rom an dem fuer die damalige Schiffahrt interessanten Tiber.

Bis gegen 625 v. Chr. dehnte sich hier im wesentlichen unbewohnte Wildnis. Auf dem Palatin und den benachbarten Huegeln gab es lediglich ein paar Huetten von Hirten und kleinen Bauern. Doch von dieser Zeit an ist eine betraechtliche Ausdehnung archaeologisch nachweisbar. Die Hütten wurden nun auch an den Haengen der Huegel und schliesslich sogar in den feuchten Taelern errichtet.

 
Hier entstand allerdings ein Problem, denn diese Taeler waren im Fruehjahr und nach starken Regenfaellen Ueberschwemmungsgebiet des Tiber und seiner zwischen den Huegeln verlaufenden Zufluesse. Um hier eine Stadt zu errichten, bedurfte es also umfangreicher wasserbautechnischer Massnahmen und wer war besser dafuer geeignet diese zu planen und durchzufuehren zu lassen, als ein Etrusker. Sein Name war Tarquinius Priscus und etwa 607 v.Chr. uebernahm er als "Lucumo", also Koenig, die Regierungsgewalt in Rom. Er stammte aus Tarquinia, fand dort aber keine ausreichende Wirkungsmoeglichkeit mehr und suchte daher, wie schon viele seiner atlantischen Vorgaenger, sein Wirkungsfeld in der Fremde. Die Siedlung Rumula am Tiber schien ihm der geeignete Ort zu sein, seine Faehigkeiten und seinen Reichtum zu investieren. Er wurde begleitet von seiner Frau Tanaquil, ebenfalls aus reichem Haus Tarquinias und nicht weniger unternehmungsfreudig und ehrgeizig. Durch freundlichen Umgang, Geldvorschuesse und persoenlichen Kampfesmut erwarb sich Tarquinius Priscus bald die Sympathien der Siedler und uebernahm schliesslich die Regierungsgewalt als niemand ihm mehr zu widersprechen wagte. In Kaempfen um die Nutzung und den Besitz von Laendereien mit den unmittelbaren Nachbarn der Siedlung festigte er seine Macht. Darauf begann unter seiner Leitung die Trockenlegung der Talgruende durch Anlage von Kanaelen und Graeben mit Abfluss zum Tiber.

Das gewonnene Land wurde durch den Koenig Privatleuten zur Bebauung uebergeben. Es ist anzunehmen, dass der Etrusker Tarquinius hierbei tuechtige Fachleute aus Etrurien bevorzugte, die in der Lage waren, der laendlichen Siedlung einen Stadtcharakter zu verleihen. Archaeologische Ausgrabungen bestaetigen dies, denn ab 575 v. Chr. aendert sich die Bebauung. Es wird ein zentraler Platz angelegt, das spaetere Forum Romanum, und die alte Bauweise der Haeuser weicht staedtischer Architektur. Die Gebaeude erhalten ein steinernes Fundament und werden aus luftgetrockneten Ziegeln errichtet. Die vorherige runde oder ovale Form der Huetten weicht rechteckigen Haeusern mit zentralem Hof an rechtwinklig zueinander verlaufenden Strassenzuegen. Die Daecher werden mit gebrannten Ziegeln gedeckt, die Waende mit Stuck verputzt und mit Fresken bemalt.

Oeffentliche Gebaeude und Heiligtuemer entstehen. Am Fusse des Palatin die "Regia" als Kulthaus des Koenigs und Oberpriesters und der rund gebaute Tempel der Vesta, beides Holzbauten, geschmueckt im etruskischen Stil mit bunten Terrakotten. Am Fluss entsteht ein zweiter Platz mit festem Untergrund, das "forum boarium", der Rindermarkt. Auch die Anlage der grossen Rennbahn, des "circus maximus" im Tal zwischen Palatin und Aventin faellt bereits in diese fruehe Zeit und zeigt, dass Tarquinius Priscus wohl wusste, was zu einer bedeutenden atlantischen Stadt gehoert. Die Einweihungsspiele mussten allerdings noch weitgehend Gaeste aus Etruriens Staedten bestreiten, denn fuer die "Roemer", diesem bunt zusammengewuerfelten Gemisch aus Latinern, Sabinern und etruskischen Einwanderern war dies noch voelliges Neuland.

Auch die Vorbereitungen zum Bau des Stadttempels auf dem hoechsten und steilsten Huegel, der damals noch Tarpejischer Felsen genannt wurde und spaeter dann Kapitol hiess, sollen in die Zeit von Tarquinius Priscus fallen. Doch vier Jahre nach Beginn der notwendigen umfangreichen Fundamentierungsarbeiten kam Tarquinius Priscus 569 v. Chr. gewaltsam ums Leben. Ein grosser etruskischer Auftakt mit einem bitteren Ende. Vielleicht ein Gleichnis fuer das, was folgen sollte.

Sein Nachfolger in der Herrschaft war Servius Tullius, nach alter roemischer Darstellung Sohn einer kriegsgefangenen Sklavin des Koenigshauses, gezeugt durch ein aus dem Boden hervorgekommenes maennliches Glied, auf das sich die Sklavin setzte. Eine pikante Geschichte, aber natuerlich reine dichterische Erfindung.

Nach neuesten Erkenntnissen aus archaeologischen Funden etruskischer Dokumentationen in Graebern war Servius Tullius einer der Fuehrer einer Gruppe von Maennern aus vornehmen Haeusern anderer etruskischer Staedte, die schliesslich mit Erfolg versucht hatten, sich selbst die inzwischen interessant gewordene Herrschaft in Rom anzueignen. Tarquinius Priscus fiel in diesem Kampf um die Macht und Servius Tullius gewann sie. Dies war zweifellos fuer Rom kein guter Auftakt und seine ganze Geschichte sollte weiterhin durch den oft brutalen Kampf um die Macht an der Spitze des Staates gekennzeichnet sein. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass die Roemer diese Wahrheit nie erfahren haben, um sie weiter im Glauben an ihren Staat zu halten. Da kann man nur sagen:"Wie sich die Zeiten gleichen!"

Etrurien und Rom - es ist wie eine Wiederholung der Geschichte des atlantischen Reiches in einer kleiner gewordenen Welt. Einst gingen die unternehmerischen Menschen, denen die Ordnung ihrer atlantischen Heimat keine ausreichenden Entwicklungschancen bot, in fremde Laender. Zuerst nach Griechenland, dann nach Anatolien, schliesslich nach Syrien, Babylon, Mesopotamien. Jetzt ging eine Wiederauflage dieser Menschen aus der Enge ihrer etruskischen Staedte, wo alles durch Koenig, Priester und Adelsfamilien bis ins kleinste geregelt war, in die freie Stadt Rom, um dort um Macht, Ansehen und Reichtum zu kaempfen. Dies war der Unterschied zwischen den etruskischen Staedten und Rom und sollte es bleiben, selbst als die etruskischen Staedte durch Rom laengst ausgeloescht oder bedeutungslos geworden waren.

Entsprechend der kaempferischen Einstellung des Servius Tullius und im Hinblick auf eventuelle Nachahmer seines Eroberungscoups hatte er nichts Wichtigeres zu tun, als um Rom eine riesige Mauer zu bauen. Auf Grund seiner Kenntnisse von mesopotamischen Sitten koennte man annehmen, dass er dabei an Gilgamesch dachte, der ganz Ur, einschliesslich der wichtigsten Gaerten und Viehweiden mit einer riesigen Mauer einschloss. Aehnlich war es mit der Servianischen Mauer. Sie schloss bereits die "sieben Huegel" Palatin, Aventin, Caelius, Esquilin, Viminal, Quirinal und Kapitol ein und hatte als "Servianische Mauer" bis gegen Ende des 3. Jahrhunderts n. Chr. Bestand.

Dies war aber nicht die einzige Neuerung, die der neue Herrscher einfuehrte. Er gliederte auch das Staatswesen neu, und zwar abweichend von der alten etruskisch-atlantischen Ordnung. Er war also nicht nur in Bezug auf den Kampf gegen den vorhandenen Herrscher, sondern auch in seinen Ideen ein Revolutionaer.

Die "Servianische Verfassung", wie sie spaeter genannt wurde, gliederte das Volk nicht mehr nach erblichen Staenden oder Klassen, sondern nach seiner Habe. Eine absolute Neuerung im Westen mit weitreichenden Folgen. Es war also jetzt jedem Einwohner Roms moeglich, dank seines Reichtums zu den hoechsten Aemtern aufzusteigen. Rom oeffnete seine Tore und hiess jeden willkommen und aufsteigen der genuegend Geld oder Unternehmungsgeist mitbrachte. Grundlage fuer die Neuerung war die Einfuehrung des Zensus, eine Abschaetzung der Gueter eines jeden und die Festsetzung der Steuer entsprechend dieser Schaetzung. Diese Art der Steuererhebung ist bereits in dem Tontafelarchiv von Mari in Syrien fuer 1800 v. Chr. belegt. Spaeter uebernahmen sie Babylonier und Assyrer. Alle waren atlantische Auswanderer, die sich im Orient niederliessen. Als Folge der neuen Verfassung verloren die adligen Geschlechter einen grossen Teil ihrer Vorrechte und ihrer Macht.

Neu eingefuehrt wurde ausserdem die Centurionen-Ordnung und damit gleichzeitig eine Reform des Heereswesens eingeleitet.

Die Bewohner Roms wurden in Steuerklassen , entsprechend der Schaetzung, eingeteilt. In der Klasse "1" waren die reichsten, in der Klasse "5" die aermsten Buerger. Jede Klasse wurde in Hundertschaften genannt "Centurien" aufgeteilt.

Buerger der Klasse "1" hatten die Centurien der Reiterei zu stellen, da sie reich genug waren Kauf, Unterhalt und Ausruestung eines Pferdes zu bezahlen. Aus der zweiten , dritten und vierten Klasse kam die Masse des Aufgebots. Die Centurien der zu Fuss Kaempfenden. Bewaffnung und Einstufung richtete sich auch hier nach dem Besitz. Die Vermoegensten mussten sich die schwerste Bewaffnung, die Hoplitenausruestung, zulegen. Sie stellten die Hauptschlagkraft des Heeres dar und kaempften in der ersten Reihe.Fuer die Angehoerigen der 3. und 4. Klasse genuegte eine leichte Bewaffnung, sie bildeten die leichten Fusstruppen. Aus Handwerkern, Holz- und Eisenarbeitern wurde eine Pioniertruppe aufgestellt. Musiker wurden der Militaermusik mit Horn- und Trompetenblaesern und sonstigen Instrumenten zugeteilt.

Aus all diesen Anordnungen ist zu entnehmen, dass Servius Tullius sein staatsmaennisches Wissen hoechstwahrscheinlich Assyrien, dem damals modernsten Staat des vorderen Orients, verdankte. Moeglicherweise war er selbst von dort nach Etrurien, wie viele andere, eingewandert, fand es dort zu eng und war mit Gleichgesinnten nach Rom weitergezogen, um dort sein Glueck zu versuchen. Ein Staatsstreich nach assyrischem Muster brachte ihn hier an die Macht.

Assyrien war 612 v. Chr. nach der Einnahme von Ninive durch Meder und Babylonier als Staatswesen zugrundegegangen . Ein Grund fuer unternehmungslustige junge Atlanter, sich dem inzwischen boomenden Westen, Etrurien, zuzuwenden.

Auch die naechste seiner Anordnungen erinnert an die Heerschauen Assyriens. Als die Abschaetzung beendet und alle eingeteilt und bewaffnet waren, befahl Servius Tullius allen, auf der groessten Ebene vor der Stadt zusammenzukommen. Er stellte die Reiterei schwadronenweise, das Fussvolk rottenweise und die Leichtbewaffneten nach ihren Centurien auf und suehnte sie mit einem Stier, einem Widder und einem Bock. Die Tiere wurden dreimal um das Heer herumgetrieben und dann dem Mars, dem Schutzgott der Ebene geopfert. Diese Opferung war wieder etruskisch und so wurde die Verbindung zwischen Neuerung und Tradition hergestellt.

Auch die neue Klasseneinteilung wahrte eigentlich ausreichend die etruskische Tradition, denn in den zwei oberen Klassen trafen sich wieder die reichen und wohlhabenden Geschechter und ihnen wurden auch die entscheidenden Stimmen bei Wahlen zugestanden.

Trotzdem regte sich Opposition und Reaktion. Die alte Ordnung war in Gefahr. Die etruskischen Staedte ruesteten gegen Rom und zogen in den Krieg. Doch Servius Tullius ueberstand mit Glueck alle Gefechte. Dafuer ereilte ihn in der eigenen Stadt das Geschick. Lucius Tarquinius, der Sohn des Tarquinius Priscus, sammelte eine Schar Bewaffneter um sich. Sie ueberfielen und toeteten Servius Tullius 525 v. Chr. in der "Kyprischen Gasse" in Rom. Er hatte 44 Jahre regiert.

Unter Lucius Tarquinius, den man "Superbus" den "Hochmuetigen" nannte, triumphierte noch einmal die etruskische Tradition. Die Reformen des Servius Tullius wurden ausser Kraft gesetzt und die Macht der alten Geschlechter wieder hergestellt.

Es beginnt, da sich Widerstand im Volk regt, eine Willkuerherrschaft und Tyrannei. Da Lucius Tarquinius sich seines Lebens nicht sicher fuehlt, umgibt er sich mit einer Leibwache. Spitzel und "Beobachter des Volkes" lauern ueberall. Erkannte oder vermutete Gegner werden zum Tode verurteilt oder in die Verbannung geschickt. Andere werden heimlich aus dem Wege geraeumt. Der Herrscher regiert absolut ohne jemanden um Rat zu fragen. Steuern muss jeder gleich zahlen und zum Kriegsdienst beruft der Koenig wen er will und teilt ihn der ihm richtig erscheinenden Waffengattung zu. Auch ueber Zwistigkeiten entscheidet in orthodox atlantischer Weise nur der Koenig. Aussenpolitisch werden die freundschaftlichen Beziehungen zu den Nachbarn wieder aufgenommen. Rom wird sogar zum Oberhaupt des Latinerbundes gewaehlt.

In der Stadt wird der schon vom Vater beabsichtigte Bau des Tempels auf dem Tarpejus vorangetrieben. Dazu werden erfahrene Handwerker aus ganz Etrurien angeworben Unter ihnen ist auch der Schoepfer der Figuren des Tempelgiebels von Veji, Vulca. Er fertigt die Jupiterfigur fuer den Tempel aus Terrakotta. Auch die Quadriga, das Viergespann auf dem First, kommt aus Veji. Bei den Ausschachtungsarbeiten fuer den Tempel wird "das Haupt eines Menschen" gefunden. Die sofort veranlasste Befragung des begabtesten etruskischen Deuters ergibt die Antwort, dass nach dem Schicksal der Ort der Auffindung des Hauptes das Haupt ganz Italiens werden soll. Von da an wird der Huegel dann "Kapitol", nach lateinisch "capitum" = "Haupt", genannt.

Der Tempel wurde ein echt etruskischer Tempel , wie er schon beschrieben wurde. Sogar eine Goettertrias wurde in ihm aufgenommen, was zeigt, dass man ihm eine besondere Bedeutung beimass. Ueblicherweise gab es in den etruskischen Staedten drei Tempel, die je einer Gottheit geweiht waren. Die Goetter im Tempel waren Jupiter, etruskisch Tin oder Tinia; Juno, italisch Uni, und Minerva , etruskisch Menrva. Man kann daraus schliessen , dass Rom sich bemuehte, eine einigende Hauptstadt zu werden. Der Bau des Tempels erfolgte zur gleichen Zeit, als in Jerusalem auf Anordnung des atlantischen Perserkoenigs Kyros der salomonische Tempel, den der Babylonier Nebukadnezar zerstoert hatte, wiederaufgebaut wurde.

Noch zwei grosse Bauwerke, die Roms Groesse mit begruenden sollten, wurden unter Tarquinius Superbus fertiggestellt oder erweitert. Es war der "circus maximus", der zu einer Rennbahn mit Zuschauertribuenen ausgebaut wurde und die "cloaca maxima", ein unter Forum und Stadt verlaufender unterirdischer Kanal, auf dem man sogar mit Schiffen fahren konnte. Mit ihm wurde die Stadtentwaesserung in die Unterwelt verlegt und die Taeler Roms konnten nun durchgehend bebaut werden. Auch die sibyllinischen Buecher, eine Sammlung von geheimnisvollen Spruechen mit prophetischenm Inhalt, kamen unter ihm in die Stadt. Der Sage nach sollte sie eine alte Frau gebracht haben, mit der Ermahnung, sie sorgfaeltig aufzubewahren. Sie wurden in einer Holzkiste im kapitolinischem Tempel verwahrt und befragt, wenn der Senat in den Zeiten der Republik wichtige Entscheidungen zu treffen hatte. Das Original der Buecher verbrannte zusammen mit dem Tempel. Doch es gab Abschriften, die noch bis 400 n. Chr. befragt wurden. Dann wurden auch sie auf Anordnung der christlichen Obrigkeit vernichtet.

Doch die grossen Werke des Koenigs fanden wenig Anerkennung im roemischen Volk. Die Menschen waren veraergert ueber die ungewohnte Fronarbeit, welche die umfangreichen Erdarbeiten an der Rennbahn und an der Cloaca fuer sie darstellten. Da man nicht aufmucken durfte, weil ueberall Spitzel und Angeber lauerten, gaerte es im Untergrund. Dies entging nicht dem etruskischen Adel und einige enge Verwandte des Koenigshauses, die sich von einem Umsturz persoenliche Vorteile versprachen, schmiedeten entsprechende Plaene.

Ein Ereignis, das wahrscheinlich vorgetaeuscht war, kam ihnen zur Hilfe. In Abwesenheit des Koenigs, der mit dem Heer die Stadt Andea belagerte, sollte der Sohn des Koenigs eine Roemerin, die Frau eines der Verschwoerer, vergewaltigt haben. Sie schickte darauf Boten an ihren Mann Tarquinius Colatinus, einen Vetter des Koenigs und an Lucius Junius Brutus, einen Sohn der Schwester des Koenigs. Diese eilten aus dem Feldlager nach Rom und erfuhren was vorgefallen ist.

Die Frau gibt sich (sehr unglaubwuerdig) wegen ihrer verletzten Ehre selbst den Tod. Die Verschwoerer erheben ein grosses Geschrei und das Volk wird aufmerksam. In bitteren Worten wird die Tat geschildert, die den Menschen ans Herz geht. Dann wird ueber die weiteren Untaten des Herrscherhauses gesprochen, die ausgeuebte Tyrannei, die Aberkennung der Rechte aus der Servianischen Verfassung und die verlangte Fronarbeit.

Als der Unmut des Volkes ausreichend geweckt ist, wird der Vorschlag gemacht, die alte Verfassung wieder einzufuehren und danach abzustimmen, ob der Koenig verbannt werden soll. Begeistert nehmen die Buerger dies auf und stimmen gegen den unbeliebten Koenig. Ein unerhoerter und bis dahin in keinem Land vorgekommener Vorgang, der zeigt, dass das Volk von Rom schon damals aus einer Ansammlung von traditionslosen Autoritaetsgegnern bestand.

Als der Koenig im Heerlager von den Vorgaengen erfaehrt und nach Rom eilt, kommt er vor verschlossene Tore und erfaehrt von seiner Verbannung. Eine schlau eingefaedelte Palastrevolution hatte ihn um den Thron gebracht. In Rom regieren jetzt die Haeupter der Verschwoerung, Brutus und Colatinus, als nach der wieder eingesetzten Verfassung fuer ein Jahr gewaehlte Konsuln. Rom war, nahezu nebenbei als Folge eines Staatsstreichs, zur Republik geworden.

Der vertriebene Koenig versuchte seine Rechte mit Hilfe der "Freunde" ausserhalb Roms wiederzugewinnen. Die Latiner wiesen ihn ab. Tarquinia, die Stadt aus der seine Sippe stammte, schickte auf sein Begehren eine Gesandtschaft nach Rom, mit der Bitte, dem Koenig die Rueckkehr zu ermoeglichen, um ihm Gelegenheit zur Rechtfertigung zu geben. Als dies mit der Begruendung, die ewige Verbannung sei beschlossene Sache, abgelehnt wurde, baten die Gesandten, dem Koenig wenigstens sein Vermoegen herauszugeben. Als die Gesandten waehrend der laufenden Verhandlungen darueber Kontakt mit koenigstreuen Etruskern aufnahmen, wurden sie der Anzettelung einer Verschwoerung beschuldigt und aus der Stadt gewiesen. Die Gespraechspartner wurden als erkannte Gegner der neuen Macht hingerichtet. Darauf ueberliess man die koeniglichen Besitztuemer dem Volk zur Pluenderung. Ein ebenfalls bisher beispielloser Akt der Gesetzlosigkeit, der Rom von nun an kennzeichnete.

Es blieb nur ein Mittel dagegen, den Krieg. Die etruskischen Staedte Veji und Tarquinia stellten ein Heer auf und der vertriebene Koenig mit seiner Gefolgschaft, zu der auch Aruns Tarquinius, sein Sohn, gehoerte, zogen gegen Rom. Ein Aufgebot aus der Stadt rueckte ihnen entgegen. Es kam zum Kampf, in dem gleich zu Anfang Aruns Tarquinius wild auf den erkannten Fuehrer der Verschwoerer, Brutus, der jetzt Konsul war und das Aufgebot anfuehrte, zu Pferde eindrang. Beide sanken, von ihren Lanzen wechselseitig durchbohrt, tot zu Boden. Das gegenseitige Morden der Verwandten nahm seinen Fortgang bis zum Abend. Am naechsten Morgen wurde der Kampf nicht wieder aufgenommen. Zu gross waren die Verluste auf beiden Seiten und unentschieden endete das Treffen.

Doch es kehrte kein Frieden ein. Rom hatte sich als Dorn im Fleisch Etruriens erwiesen, und der vertriebene Koenig machte weiter Stimmung gegen die Stadt. Seine Begruendung war, man koenne die neue Sitte, Koenige zu vertreiben, nicht einfach so hinnehmen, denn morgen koenne es jeden von ihnen genau so treffen. Das sahen zwar alle ein, doch Krieg deshalb zu fuehren, war eine andere Sache. Etrurien ging es bestens, die Wirtschaft bluehte und gedieh, der Machtbereich reichte von der Poebene bis Neapel, was bedeutete da schon Rom.

Nur einer der Koenige, Larth Porsenna aus Chiusi, sah die Gefahr, die von Rom ausgehen konnte. Er ruestete ein Heer und zog selbst vor die Stadt. Den Roemern gelang es gerade noch, die Tiberbruecke abzureissen, sonst waere er gleich einmarschiert. So begann er die Belagerung, bei der auch Schiffe einsetzte, um den Versorgungsweg ueber den Tiber zu sperren. Da nicht nur die Bevoelkerung des umliegenden Landes sondern auch die Viehherden in die Stadt gebracht worden waren, wurde die Versorgung mit Korn bald knapp. Schliesslich kapitulierte die Stadt. Harte Friedensbedingungen, mit denen Porsenna die von Rom ausgehende Gefahr bannen wollte, wurden der Stadt auferlegt. Alle Waffen mussten abgeliefert werden und die Verwendung von Eisen, ausser fuer landwirtschaftliches Geraet, wurde verboten. Ausserdem musste Rom auf alle Besitzungen rechts des Flusses verzichten und war damit nicht mehr Herr des Flusses.

Der alte Tarquinier-Koenig wurde aber nicht wieder eingesetzt und die republikanische Verfassung wurde nicht angetastet. Die Leute des Koenigs sollten sich an Gesandten und Geiseln vergriffen haben, was bei dem Hass, der inzwischen entstanden war, verstaendlich war. Porsenna sah wohl daraus und weil er die Verhaeltnisse in Rom jetzt selbst kannte, dass die Tarquinier in Rom keine Herrschaftsbasis mehr hatten. Eine reine Tyrannei von wahrscheinlich nur kurzer Dauer, welche die Probleme nicht loeste, wollte er aber offenbar nicht unterstuetzen.

Ihm schien es sinnvoller mit Rom ein "Friedens- und Freundschaftsbuendnis " zu schliessen, das Rom an die Kette legte. Doch die Region kam nicht zur Ruhe. Die Sabiner und Latiner ruesteten gegen das jetzt schwache Rom. Porsenna schickte entsprechend dem Buendnis seinen Sohn mit der Haelfte seines Heeres zur Unterstuetzung. Nun griffen auch noch griechische Truppen aus Cumae in die Auseinandersetzungen ein und schlugen die Truppen Porsennas, die sich nur unter grossen Verlusten nach Rom retten konnten. Als Dank fuer die Hilfe der Roemer fuer sein Heer und aus der Einsicht, dass ein zu schwaches Rom eine Belastung fuer ihn sein koennte, gab Porsenna darauf Rom die Besitzungen rechts des Tibers zurueck.

 
Nun zog Tarquinius Superbus an der Spitze eines aus latinischen Aufgeboten bestehenden Heeres selbst noch einmal gegen Rom. Er war jetzt 90 Jahre alt und kaempfte doch in der ersten Reihe mit. Als er den roemischen Heerfuehrer, den Dictator Postumus erkannte, der seine Leute ermunterte, galoppierte er auf ihn zu und verwundete ihn. Nur das Eingreifen der Leute des Dictators rettete diesen.

Letztlich ging aber auch diese Schlacht fuer Tarquinius Superbus verloren. Er zog sich nach Cumae zurueck und setzte den dortigen Tyrannen, der die Truppen Porsennas geschlagen hatte, als seinen Erben ein, da alle seine Kinder und Angehoerigen in den Kaempfen gefallen waren.


Rom geht von nun an seinen eigenen republikanischen Weg. Wenn auch noch einige Male etruskische Edle zu Konsuln gewaehlt werden, eine Rueckkehr zum etruskischen Lebensstil gibt es nicht. Rom wird zunehmend zum tristen Bauern und Militaerstaat. Etruskisches Kunstgewerbe hat keinen Platz mehr in seinen Mauern, uebernommen von den Etruskern werden nur praktische Dinge fuer die keine Ingenieurkenntnisse erforderlich sind. Strassen-, Bruecken- und Festungsbau ohneVerwendung zyklopischer Steine, Wasserleitungen einfacher Ausfuehrung ohne Verwendung der Technik verbundener Gefaesse, Thermen und hygienische Einrichtungen. Als einzige Produktionsstaetten gibt es Ackerbaubetriebe und Waffenschmieden.Aller Luxus ist verpoent. Der Besitz von Gold und Silber wird unter Strafe gestellt. Die Roemerin spinnt und webt selbst die schmucklosen Gewaender. Es ist wie ein Rueckfall in archaische Zeiten. Dazu passen auch die einzigen Freizeitvergnuegen, die in kriegerischen Uebungen, im Sport des Speerwerfens und des Laufens mit Lanzen, Lanzenstechen, Reiten und Abhaertung gegen Hitze und Kaelte bestehen.

Man fragt sich, warum das alles. Ringsum war bluehende Kultur und Wirtschaft. Wer verzichtet freiwillig auf die Annehmlichkeiten des Lebens?

Die Antwort kann nur lauten: Rom tat dies nicht freiwillig. Offenbar hatten die Etrusker und die Latiner ein Wirtschaftsembargo gegen Rom verhaengt. Diese Stadt, die sich nicht in etruskisches Leben und seine Gesetze einfuegen wollte, sollte wirtschaftlich ruiniert und in die Knie gezwungen werden. Den Roemern blieb nichts uebrig, als sich auf eine verbissene Autarkie ihrer eigenen Wirtschaft zurueckzuziehen, fuer die Befreiung aus dieser Zwangslage zu ruesten und auf bessere Zeiten zu hoffen. Diese Verbissenheit und der sich ansammelnde Zorn erklaert auch den Hass und die Zerstoerungswut, mit der Rom spaeter die etruskische Kultur und ihre Errungenschaften ruecksichtslos vernichten wird.

Als 480 v. Chr. die phoenizische Flotte, die im Dienst der Perser steht, bei Salamis von den Griechen geschlagen wird und am selben Tag das grosse Heer der Karthager , das ausgezogen ist, die Griechen aus dem westlichen Mittelmeer zu vertreiben, vor Himera das gleiche Schicksal trifft, kuendigt sich eine neue Zeit an. Die Grossmaechte Persien und Karthago werden durch die Griechen daran gehindert, das Mittelmeer als ihren alleinigen Herrschaftsbereich zu gewinnen. Damit brechen auch fuer Etrurien schwerere Zeiten an. Schon 482 v. Chr. hatte der Tyrann Anaxilas von Rhegion und Zankle die sizilische Meerenge fuer etruskische Schiffe gesperrt. Auch die nahe am suedlichen etruskischen Zwoelferbund gelegene griechische Stadt Cumae hatte in den Auseinandersetzungen um Rom gezeigt, dass sie bereit war, sich in etruskische Angelegenheiten einzumischen.

Schon um 520 v.Chr. hatten deshalb die Etrusker die Absicht gehabt, Cumae anzugreifen und zu erobern, waren aber durch schlechte Wetterbedingungen daran gehindert worden. Jetzt, 474 v. Chr. sollte das Unternehmen wiederholt werden. Die Aufgebote der etruskischen Staedte Kampaniens sollten von Land angreifen und der noerdliche Zwoelferbund mit einer starken Flotte und Landungstruppen von See. Cumae hatte von dem geplanten Unternehmen erfahren und Eilboten nach Syrakus gesandt, um Hilfe anzufordern. Hieron, der jetzt herrschende Tyrann von Syrakus zoegerte keinen Augenblick und liess die gesamte Kriegsflotte sofort nach Kampanien auslaufen.

Die etruskische Flotte hatte gerade begonnen, das Landungsmanoever einzuleiten, als die griechische Flotte erschien. Ueberrascht und in Unordnung geraten, drehten die etruskischen Schiffe ab und fuhren nach dem nahen Kap Miseno, wo sie auf die griechische Flotte trafen. Eine moerderische Seeschlacht begann, auf welche die Etrusker, die eine Landung vorhatten, schlecht eingestellt waren. Ihre Schiffe waren mit Landungstruppen zu schwer beladen und deshalb unbeweglicher als gewohnt. Die bewaehrte atlantische Taktik des Rammens der feindlichen Schiffe und Versenkens mit dem Rammsporn, war deshalb kaum moeglich. Es blieb nur der Nahkampf von Schiff zu Schiff, aber auch dabei war die unpassende Beladung ein Hindernis. Die Syrakuser erbeuteten und versenkten zahlreiche etruskische Kriegsschiffe. Der Rest ergriff die Flucht. Als die Landtruppen sahen, dass die Unterstuetzung durch die Flotte gescheitert war, gaben auch sie den Angriff auf Cumae auf und zogen sich zurueck.

Doch das gescheiterte Unternehmen hatte weitreichende Folgen. Zum Dank fuer die Unterstuetzung schenkte Cumae Syrakus die Insel Ischia. Hieron legte sofort eine starke militaerische Besatzung auf die Insel und war damit in der Lage, die Zufahrt der Etrusker nach Pompeji, Herculaneum und Sorrent zu sperren. Damit war der Seeweg zu den suedlichen Besitzungen verloren und diese kaum noch zu halten. Dies traf besonders die Kuestenstaedte Caere und Tarquinia, denn ihr Handel nach Sueden ging nun mehr und mehr zurueck. Ihr Reichtum minderte sich und damit ihre politische und militaerische Macht.

Doch es kam noch schlimmer. Gestaerkt durch die Siege und voller Selbstvertrauen griffen die Griechen 474 und 473 v. Chr. Elba und Korsika und schliesslich sogar die Kuestenstaedte Etruriens an. Sie verwuesteten die Haefen von Vetulonia, Populonia und Tarquinia und beraubten die Magazine und Lager. Auf Elba und Korsika wurden Truppen gelandet und Stuetzpunkte errichtet.

Die Tatsache, dass die Etrusker dieser Angriffe nicht Herr wurden, zeigt ihre Entschlussschwaeche und die daraus folgende Machtlosigkeit. Wie sich auch schon bei den Ereignissen um Rom gezeigt hatte, scheuten sie offenbar den Krieg und waren nicht bereit, fuer ihre Sache zu kaempfen.

Dies zeigte sich jetzt auch beim suedlichen Zwoelferbund. Da er wegen der Unterbrechung des Seewegs im Bedarfsfall keine Hilfe mehr aus dem Norden erhalten konnte, stellte er zu seiner Verteidigung Soeldnertruppen aus den Bergbewohnern, den Samniten, auf. Die Verwandten und Bekannten der Angeworbenen verliessen bald ihre unwirtlichen Taeler und stroemten in die durch die Etrusker fruchtbar gemachten Ebenen Kampaniens. Schliesslich liessen sie sich sogar in den Staedten Capua, Pompeji und Neapel nieder. Die Etrusker befestigten zwar ihre Staedte zusaetzlich aber das half wenig. Capua, die Hauptstadt des Zwoelferbundes, wurde das erste Opfer der Samniten. Als 430 v. Chr. nach einem grossen Fest alles schlief, liessen samnitische Soeldner die Truppen ihrer Landsleute in die Stadt und in einem entsetzlichen Gemetzel wurden fast alle etruskischen Einwohner der Stadt niedergemacht.

Mit der Hauptstadt des Zwoelferbundes entschied sich das Schicksal des suedlichen Etruriens. Ausser Pompeji gerieten schnell alle weiteren Staedte in die Herrschaft der Samniten. Selbst Cumae, die griechische ,schwerbefestigte Stadt wurde von ihnen erobert. Nur Neapel und die Inseln Capri und Ischia blieben mit Hilfe der Syrakuser in griechischer Hand. Im Verlauf des Peloponesischen Krieges versuchte Athen noch einmal mit Hilfe der Etrusker das mit Sparta verbuendete Syrakus in die Knie zu zwingen. Als dies misslang, wurde Syrakus die erste Seemacht im Tyrrhenischen Meer und der suedlichen Adria. Damit blieb den Etruskern der Seeweg an Sizilien vorbei nach Sueden versperrt.

Doch sie hatten schon neue Absatzwege erschlossen. Ueber die adriatischen Haefen Spina und Atria gingen Lieferungen nach Athen und ueber die Alpen wurden die Kelten mit Wein und Artikeln aus Bronze zu guten Kunden der Etrusker. Wie bedeutend der Handel mit Athen war, ist aus der Anzahl wertvoller attischer Vasen, die man in der Nekropole von Vulci, der damals groessten Produktionsstaette von Kunstbronzen fand. Es handelt sich um mehrere tausend Exemplare und Vulci ist damit der groesste Fundort dieser Vasen auf der Welt.

Die Wirtschaft Etruriens hatte sich jetzt mehr ins Binnenland verlagert und doch hatten die Staedte in der Naehe des Meeres, Caere und Tarquinia noch ueber 100 000 Einwohner. Nur Athen in Griechenland erreichte diese Groesse, Syrakus und Korinth lagen schon darunter.

Doch die Tage des wirtschaftlichen Wachstums Etruriens waren gezaehlt. Ein unterschaetzter Gegner erschien erst langsam, aber dann immer gefaehrlicher werdend auf dem Plan : Rom.

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Lesen Sie hierzu, umfassend und uebersichtlich dargestellt :

DIE GESCHICHTE VON ATLANTIS, der vergessene Ursprung unserer Kultur
von Karl Juergen Hepke
TRIGA - DER VERLAG, 2.Aufl. 2008, Hardcover, 268 Seiten, Eur 22,00 , ISBN 978-3-89774-539-1

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