Das Ostgotenreich Theoderichs des Grossen (40a)

von Karl Juergen Hepke

376 kamen die meisten Ostgoten unter die Herrschaft der Hunnen. Nur ein kleiner Teil blieb auf der Krim zurueck, als die Hunnen weiter nach Westen zogen und sich dann am oestlichen Rand des Karpatenbeckens niederliessen. Unter der Fuehrung Attilas stiessen die Ostgoten mit den Hunnen weit nach Westen vor und wurden in der Schlacht auf den katalaunischen Feldern 451 von der vereinigten Armee aus Westgoten, Franken und Roemern geschlagen. Dabei fiel der Koenig der Westgoten Alarich II durch den Speer eines Ostgoten.

Die Ostgoten hielten auch nach der verlorenen Schlacht treu zu den Hunnen, mit denen sie nach ihrer Ueberlieferung eine mythische Verwandtschaft verband. Nach einer Sage sollte der Koenig der Gutonen, Filimer, einst gotische Hexen aus dem Volk verbannt haben. Sie gingen in die Steppe und gaben sich den dort lebenden "boesen Geistern" hin. Damit wurden sie die Muetter der Hunnen.

Der Mythos kennzeichnet gut die Verbindung zwischen beiden Voelkern, die sich in einer Art Hassliebe darstellte. Ein Verlassen des Volksverbandes wurde zudem von Hunnen wie von Goten als Hochverrat betrachtet und Abtruennige wurden zeitweilig wie Sklaven sogar bei Nachbarvoelkern verfolgt und ihre Auslieferung verlangt. Erst nach dem Tod Attilas 453 und der mit den Hunnen verlorenen Schlacht am Nedao in Pannonien 454 , erlosch der Stern der Hunnen und die Ostgoten begannen, sich von ihnen zu trennen.

Im Jahr 457 schlossen die drei ostgotischen Amalerbrueder Valamir, Thiudimir und Vidimir einen Vertrag mit Konstantinopel ab, der es den Ostgoten gestattete, sich im suedlichen Pannonien niederzulassen. Ihr Siedlungsgebiet ging vom Suedufer des Plattensees bis in die Gegend des heutigen Belgrad.

Theoderich war der Sohn von Thiudimir, dem mittleren Bruder. Seine Mutter war Eureleuva-Erelieva und lebte mit Thiudimir im "Konkubinat" , war also nach roemischem Recht nicht seine vollgueltige Ehefrau. Er wurde um 454 geboren und kam als Achtjaehriger als "Geisel" nach Konstantinopel, um dort roemisch erzogen zu werden. Er blieb dort bis zum achtzehnten Lebensjahr.

 
Er gehoerte hier zur Leibwache des Reichsfeldherrn Aspar, die ueberwiegend aus gotischen Kriegern bestand. Als 469 vom Ost- und Westreich beschlossen wurde, den grossen Krieg gegen die Goten "das Gift des Staates" zu fuehren, entliess Aspar seine Goten und Theoderich in die Heimat. Sein Vater Thiudimir war jetzt Oberherr ueber die pannonischen Gotenreiche und Theoderich wurde der Nachfolger des verstorbenen Vidimir in dessen Reichsteil. Hier hatte er Gelegenheit, seinen ersten Krieg mit 6000 Mann gegen die Theiss-Sarmaten zu fuehren. Er gewann ihn und toetete den Koenig. Spaeter zaehlte er den Beginn seines Koenigtums von diesem 471 errungenen Sieg an.

473 verlegten Thiudimir und Theoderich ihr Reich nach Makedonien, waehrend Vidimir mit seinem Volk nach Italien zog. 474 starb Thiudimir und Theoderich folgte ihm als designierter Nachfolger. 476 gab er Makedonien auf und zog wieder an die Donau, diesmal nach Niedermoesien. Hier im strategisch guenstig gelegenen Novae-Suistov hielt sich sein Volk bis 488 auf und brach dann auf nach Italien.

Von 476 bis 488 uebte Theoderich verschiedene Aemter im roemischen Reich aus. Er wurde 476 Waffensohn des Kaisers Zenon, trat am 1. Januar 484 in Konstantinopel das Konsulat an und wurde damit spaetestens zu diesem Zeitpunkt roemischer Buerger , 476/78 und 483 bis 487 war er oberster Heermeister. Da die Gefahr bestand, dass sein Volk ihn wegen seiner haeufigen Abwesenheit verlassen wuerde, uebernahm er 488 die Aufgabe, gegen Odoaker, der sich in Rom als Koenig festgesetzt hatte, im Auftrag Kaiser Zenons in den Kampf zu ziehen.

Er sah darin die Moeglichkeit, sich in Italien an Stelle Odoakers das angestrebte Reich zu schaffen. Auf Grund seiner Erfahrungen mit den Roemern, tat er dies in der Kenntnis, dass diese gotische Reichsgruendung nur in der Anerkennung durch den Kaiser in Konstantinopel Bestand und Geltung haben koennte. Diese Anerkennung erhielt er dann auch 497 in einer Form, die zumindest zu seinen Lebzeiten keine Wuensche offen liess.

Er war in Konstantinopel ein gelehriger Schueler gewesen und beherrschte fast das ganze Instrumentarium der roemischen Machtgewinnung und Erhaltung , ohne das eine bedeutende Machtstellung im Reich nicht lange zu halten war.

Dies zeigte sich, als er mit Odoaker schliesslich einen Vertrag abschloss, in dem vereinbart war, dass beide gemeinsam Italien regieren sollten. Dies geschah , nachdem Theoderich drei Schlachten gegen Odoaker gewonnen und ihn anschliessend drei Jahre in Ravenna belagert hatte, ohne zum endgueltigen Erfolg zu gelangen. Am 5. Maerz zog Theoderich in Ravenna ein und zehn Tage spaeter war Odoaker tot. Von Theoderich eigenhaendig erschlagen, wobei zwei Helfershelfer als scheinbare Bittsteller die Haende Odoakers festhielten, so dass er sich nicht wehren konnte. Dem Toten wurde ein Begraebnis verweigert, seine Witwe liess man verhungern. Alle Anhaenger und Verwandten Odoakers wurden , soweit man ihrer habhaft werden konnte, ebenfalls umgebracht.

Dies zeigt mit welcher Brutalitaet und Grausamkeit damals um die Macht gekaempft wurde. Die Realitaet war weit entfernt von irgendwelchen idealistischen Vorstellungen von Ehre und Treue, die den Goten in romantisierenden Berichten nachgesagt wird . Vertraege und Versprechungen wurden auf der Seite der Roemer wie auf der Seite der Goten selten eingehalten .

Auch gegen moegliche Konkurrenten aus dem gotischen Koenigshaus verhielt sich Theoderich nicht viel besser. Er betrieb eine komplizierte Familienpolitik, die die darauf abziehlte, alle anderen Familienmitglieder von der Macht fernzuhalten. So wurde der westgotische Koenig Gesalech als Rebell hingerichtet und der anfangs zu junge Nachfolger Amalarich, auch als er volljaehrig war, daran gehindert, sein Erbe, das Theoderich beherrschte, anzutreten. Sein Neffe, der Sohn seiner Schwester Amalafrida, Theodahad, wurde in die Toskana abgeschoben und kam erst nach dem Tode aller anderen moeglichen Nachfolger Theoderichs zu einem unruehmlichen kurzen Machtzwischenspiel.

Fast wie ausgleichende Gerechtigkeit erscheint es, dass es Theoderich nicht vergoennt war, einen eigenen Sohn als legitimen Erben zu zeugen . Alle seine Kinder von allen Frauen waren Toechter. Hinzu kam noch, dass alle moeglichen maennlichen Nachfolger aus der Koenigssippe ausser Theodahad vor Theoderich "starben".

Als Koenig war Theoderich beliebt bei Goten und Roemern. Die Isignien und den Titel eines Westkaisers lehnte er jedoch ab, moeglicherweise, um sich nicht zu sehr den roemischen Traditionen zu verpflichten und sein Gotentum, auf das er zweifellos stolz war, noch mehr zu verlieren.

Zur gotischen Tradition gehoerte auch sein arianischer Glaube. Die gotisch -arianische Konfession und Verfassung, die "lex gothica" erlebte in seinem Reich ihre Bluetezeit. Trotzdem erkannte er, wie die arianischen Westgotenkoenige, den katholischen Glauben als vollgueltig an. Der Streit zwischen arianischem und katholischem Bekenntnis wurde in Italien mehr zwischen Papst und dem Kaiser in Konstantinopel gefuehrt. Der Koenig war dabei nur eine Nebenfigur, dessen tolerante Haltung nicht stoerte, solange ein wichtigerer Gegner bestand.

Die arianischen Kirchenbauten in Ravenna mit ihren Mosaiken sind ein prachtvolles Zeugnis des arianischen Sakralbaus und fast die einzigen Zeugnisse der arianischen Christen im Westen Europas. Dabei ist nur ein Teil von ihnen erhalten geblieben und auch die Mosaiken wurden stellenweise spaeter im katholischen Sinne ueberarbeitet oder sogar ganz beseitigt.

Ein weiteres Kulturzeugnis des arianischen Christentums aus dieser Zeit ist der "Codex Argenteus".Er liegt heute nach einer abenteuerlichen Reise durch Europa in der Universitaetsbibliothek von Uppsala in Schweden. Auf purpurgefaerbtem besten Pergament wurde Wulfilas gotische Uebersetzung der Bibel mit silberner und goldener Tinte geschrieben. Der Schriftspiegel ist nach dem goldenen Schnitt angeordnet , die Kanontafeln erinnern an die Kirchenarchitektur Ravennas. Von den einst 336 Blaettern der Silberbibel sind noch 188 vorhanden. Es ist nicht der einzige Text in gotischer Sprache doch der bei weitem ausfuehrlichste. Auch der groesste Teil der sonst erhaltenen gotischen Bibeluebersetzungen stammt aus dem Italien Theoderichs.

Theoderichs Aussenpolitik war auf den Schutz und den Erhalt seines Reiches in Italien gerichtet. Er nahm die von Chlodwig besiegten Alamannen in seinen Schutz und siedelte sie in der Raetia I und in Norditalien an der oberen Save an. Von Chlodwig verlangte und erreichte er 506 die Einstellung aller Feindseligkeiten gegen sie unter der Zusicherung, dass von ihnen in Zukunft keine Gefahr mehr fuer die fraenkischen Grenzen ausginge.

In Gallien war er nicht so erfolgreich. Seine Hilfe fuer den Westgotenkoenig Alarich II kam zu spaet und das Reich von Toulouse ging in der Schlacht von Vouille unter. Die nachfolgenden Kaempfe gegen Franken, Burgunder und Westgoten unter Gesalech haetten sich eruebrigt, wenn er 507 besser reagiert haette.

Die Folge waren weitere Pannen in der Aussenpolitik. Durch die Bindung der Kraefte in Gallien konnte er seinem Waffensohn Rodulf keine Hilfe zukommen lassen ,als dieser durch die bis dahin unterjochten Langobarden angegriffen und vernichtend geschlagen wurde. Die Folge war eine bis dahin verhinderte Annaeherung der Langobarden an die Franken. Auch der Versuch ,die Rheingermanen gegen die Franken zu mobilisieren, missglueckte. Die Franken behaupteten sich und staerkten fortlaufend ihre Position. Schliesslich verbuendeten sie sich noch mit Byzanz. Damit war moeglich, was Theoderichs Politik verhindern sollte. Der Krieg wurde nach Italien getragen, wo er 18 Jahre lang tobte.

Der alternde Theoderich machte dann auch noch in der Innenpolitik schwere Fehler. Ein Problem, das er fuer seinen Staat nicht geloest hatte, war das Verhaeltnis der Goten zu den Roemern. Als sich fuehrende Roemer zu den Problemen der Nachfolge fuer den alternden Koenig aeusserten, wurde dies von ihm als Hochverrat empfunden. Der angesehene Gelehrte und hohe roemische Beamte Boethius wurde 523 deshalb ein Jahr im Gefaengnis gehalten und dann, ohne dass ihn der Koenig angehoert hatte, als Kapitalverbrecher verurteilt und zu Tode gepruegelt. Sein Besitz wurde eingezogen. Aehnlich verfuhr man 525 mit dem Vorsitzenden des roemischen Senats, Symmachus, dem Schwiegervater des Boethius. Als Theoderich dann auch noch den Papst ins Gefaengnis werfen liess, wo er 526 starb, war sein Ansehen in Konstantinopel und in Rom dahin.

Anscheinend gab es eine roemische Verschwoerung gegen ihn, die am 30. August 526 zu seinem Tode innerhalb weniger Stunden nach den Genuss eines nicht einwandfreien Fisches fuehrte. Sein Leibarzt Elpidius gab als Todesursache die "Ruhr" an. An ihr starben vor Theoderich schon so beruehmte und gehasste Leute wie der "Erzketzer" Arius und die fuehrenden "gotischen Arianer" Fritingern und Wulfila.

Theoderich "der Grosse" ging als "Dietrich von Bern" in die germanische Heldensage ein. Wahrscheinlich waren es die Alamannen, fuer die er sich so erfolgreich eingesetzt hatte, die ihm dieses Denkmal schufen, das dann fern von der Realitaet phantasievoll ausgestaltet wurde.

Nach dem Tode Theoderichs existierte das von ihm geschaffene Reich noch knappe 30 Jahre.

Als Nachfolger war auf Grund der rigorosen " Familienpolitik " Theoderichs der 516 geborene Enkel Athalarich verblieben , der in dieser Zeit zur Nachfolge designiert , aber beim Tode Theoderichs erst 10 Jahre alt war. Auch die kaiserliche Anerkennung der Nachfolge war von Theoderich noch nicht erreicht worden. So musste die Mutter Athalarichs , Amalasuintha, die Tochter Theoderichs, die Anerkennung selbst betreiben. Dem roemischen Senat wurden Schutzgarantien versprochen und das Praegerecht fuer Kupfermuenzen wieder verliehen. Die Familien des Boethius und Symmachus erhielten ihre Vermoegen zurueck. Gegenueber dem Kaiser distanzierte sich Amalasuintha vom harten Kurs ihres Vaters.

 
Durch den Tod Theoderichs war seine Herrschaft ueber die Westgoten erloschen, an der er so lange festgehalten hatte, obwohl der rechtmaessige Herrscher , sein Enkel Amalarich, laengst erwachsen war. Jetzt konnte dieser endlich seine Rechte wahrnehmen. Den Ost- und Westgotischen Kriegern in den Heeren wurde freigestellt, sich fuer das Verbleiben in einer der beiden Reiche zu entscheiden. Da die Zahl der Ostgoten im Westgotenreich bei weitem hoeher war als umgekehrt und diese ueberwiegend dort blieben, kam es wieder zum Anschluss einer starken Ostgotengruppe an die Westgoten.

Wie zu erwarten war, regten sich bald Widerstaende gegen die Regentschaft Amalasuinthas, die sie ausueben wollte, bis Athalarich volljaehrig war. In der Toskana lebte noch immer der von der Nachfolge durch Theoderich ausgeschlossene Vetter Theodahad. Amalasuintha versuchte, das Verhaeltnis zu ihm zu verbessern, indem sie ihm die Haelfte des eingezogenen Vermoegens seiner Mutter zurueckerstattete und versprach, die andere Haelfte folgen zu lassen, wenn er sich loyal verhielte. Theodahad tat das Gegenteil. Er nahm Verbindung zur Hofpartei auf und man beschloss, sich des gerade 16 Jahre alten Athalarich zu bemaechtigen, indem man behauptete, seine Erziehung entspraeche nicht den gotischen Vorstellungen seines Grossvaters.

Doch als der Austausch der Erzieher die Hofpartei nicht zufriedenstellte erkannte Amalasuintha, woher der Wind wehte. Sie bat den Kaiser Justinian um politisches Asyl und sandte den Staatsschatz auf einem Schnellsegler nach Durazzo, wo Justinian ihr einen Palast angewiesen hatte. Sie blieb aber in Ravenna und setzte sich zur Wehr. 533 wurden drei gegnerische Heerfuehrer gegen die Franken an die Front geschickt und dort auf ihren Befehl getoetet. Der Staatsschatz konnte zurueckgeholt werden.

Als der designierte Nachfolger, ihr Sohn Athalarich, vorzeitig "verstarb" wobei wahrscheinlich von unbekannter Seite nachgeholfen wurde, versuchte Amalasuintha, mit dem einzigen verbliebenen maennlichen Mitglied der Koenigssippe, dem heimlichen Verschwoerer Theodahad , eine Mitregentschaft. Sie sollte darin die Herrscherin sein und er als Repraesentant auftreten.

Dies wurde 534 umgesetzt und Theodahad bemuehte sich, unterstuetzt von Amalasuintha, um die Anerkennung durch den Kaiser. Doch bevor diese erreicht wurde, liess Theodahad Amalasuintha auf einer Insel im Bolsena See festsetzen. Spaetestens am 30. April 535 war die Koenigin der Ostgoten tot. Damit erlosch die durch Theoderich erreichte Legitimitaet der Amalerherrschaft in Italien endgueltig.

Die Folge war ein "Krieg, der jeden Vertragsfrieden ausschloss" des Kaisers gegen den Usurpator. Er wurde wahrscheinlich von den Verschwoerern und Theodahad nicht vorausgeahnt . Auch grosse Teile der Goten und der Roemer erhoben sich gegen Theodahad und banden erhebliche Teile des Heeres im Lande. So konnten die Truppen des Kaisers Anfangserfolge erzielen. Die Hauptstadt Dalmatiens Salona wurde vor 535 eingenommen. Der kaiserliche Feldherr Belisar eroeffnete mit Hilfe der Flotte eine zweite Front in Sizilien. Entgegen den Erwartungen oeffneten die Sizilischen Staedte, ausser Palermo, kampflos die Tore. Theodahad wurde unsicher und bot in Verhandlungen seine Abdankung und Abtretung Italiens an. Doch als sich in Folge eines Aufstands in Karthago das Kriegsglueck zu wenden schien, wollte er davon nichts mehr wissen.

Belisar setzte nach Italien ueber und marschierte ungehindert bis Neapel. Theodahad verliess Ravenna, um Belisar mit dem Grossteil seiner Streitmacht vor Rom abzufangen. Doch die Goten, die auf Grund seines Wankelmuts wohl kein Vertrauen zu ihm hatten, fielen Ende November 536 von ihm ab und waehlten einen neuen Koenig. Er hiess Vitiges und hatte einen guten Ruf als erfolgreicher Heerfuehrer. Nach alter Art wurde er " bei gezogenem Schwert auf den Schild erhoben" und zum Koenig erklaert. Theodahad wurde auf der Flucht nach Ravenna im Auftrag des neuen Koenigs abgefangen und getoetet.

Die Wahl von Vitiges entsprach alter gotischer Kampftradition und waere wohl auch ein Erfolg gewesen, wenn man ihr weiter gefolgt waere. Das heisst, wenn man unter dem neuen Koenig mit dem kampfbereiten und stark motiviertem Heer den Feind auch angegriffen und aus dem Land gejagt haette, statt ihm Rom zu ueberlassen. Doch nichts dergleichen geschah.

Vitiges, der einfacher Herkunft war, wollte legitimer Koenig sein. Dazu musste er die Hauptstadt Ravenna in Besitz nehmen und Mitglied der Koenigssippe Theoderichs werden. Zu dem Zweck heiratete er die Enkelin Theoderichs, Matasuntha, die 18 Jahr alt und garnicht begeistert war, einen Ehemann so geringen Standes zu bekommen. Den Aufenthalt in Ravenna nutzte Vitiges, um sich in Heerfuehrermanier "den Ruecken freizumachen".

Er schloss einen Vertrag mit den Franken, in dem ein grosser Teil der durch Theoderich erreichten Positionen gegen die fragwuerdige Zusicherung der Franken , "ihm nicht in den Ruecken zu fallen und einen Angriff auf Italien zu unterlassen", aufgegeben wurde. Dafuer erhielten die Franken 2000 Goldpfund in bar, die ostgotischen Gebiete in Gallien und die "Schutzherrschaft" ueber die Alamannen und andere ostalpine Voelker, die Theoderich als Schutzwall gegen die Franken aufgebaut hatte. Theoderich hat sich sicher, angesichts dieses diplomatischen Diletantismus, der seine Schutzpolitik nach Norden zunichte machte, im Grabe umgedreht.

Dazu erwies sich die Aufgabe Roms als schwerer strategischer Fehler. Belisar war am 10. Dezember 536 dort eingezogen, hatte die Besatzung zur Verstaerkung seines Heeres von 5000 Mann uebernommen und verschanzte sich vorerst dort, da er sich dem an Zahl weit ueberlegenem Heer der Goten nicht in offener Feldschlacht stellen wollte.

Ueber ein Jahr berannte das gotische Heer, nachdem es von Ravenna zurueckgekehrt war, die Mauern Roms. Obwohl Hunger und Seuchen in der Stadt einkehrten, hielten die Verteidiger stand. Schliesslich schloss Vitiges einen Waffenstillstand, der nur Belisar zu Gute kam. Er konnte die Stadt verproviantieren und neue unverbrauchte Truppen sammeln, die auch ausserhalb Roms aktiv werden konnten.

Im Anfang des Winters ueberquerten roemische Reiter den Appenin, ueberfielen die von Truppen entbloessten gotischen Gebiete, toeteten und raubten Frauen und Kinder , gelangten schliesslich bis Rimini und setzten sich in gefaehrlicher Naehe von Ravenna fest. Ein taktisch kluger Schachzug des erfahrenen Feldherrn Belisar, der die Reaktion der Goten richtig voraussah. Sie gaben naemlich sofort die Belagerung von Rom auf und die Truppen kehrten nach Ravenna zurueck ,um die Siedlungsgebiete der Goten zu schuetzen.

Zwei Jahre lang tobte ein Abnutzungskrieg an allen moeglichen Fronten, waehrend Vitiges in Ravenna sass und versuchte, irgendwo Verbuendete gegen Belisar zu finden. Die Franken schienen sich unter Theudebert (533-547) anzubieten, doch es kam nur zu einem fuer alle schrecklichen Verwuestungsfeldzug. Ein zweites zweifelhaftes Hilfsangebot des Frankenkoenigs wurde darauf von Vitiges abgelehnt. Er entschied sich zur Kapitulation, nachdem Belisar ihn in eine Lage gebracht hatte, in der ihm kein anderer Ausweg mehr einfiel.

In nur 14 Jahren war durch politische Raenke und unfaehige Nachfolger alles verspielt, was Theoderich in 37 Jahren Koenigtum aufgebaut hatte. Die kaiserliche Armee besetzte kampflos Ravenna und nahm den Gotenkoenig und seine Armee gefangen. Die gotischen Frauen sahen mit Hohn und Entsetzen, vor wem ihre Maenner kapituliert hatten.

Belisar betrachtete den Krieg als beendet, als er 540 Ravenna verliess, um seinem Kaiser den gotischen Koenigsschatz, das gotische Koenigspaar und eine Schar gotischer Elitekrieger zu ueberbringen.

Doch es gab noch ein Nachspiel. Nach dem Abzug Belisars verfiel die Moral der kaiserlichen Truppen , als faellige Soldzahlungen verringert wurden oder ganz ausblieben. Eine rigorose Steuereintreibung brachte dazu die Zivilbevoelkerung gegen die Truppen auf. Das sich wieder sammelnde Gotenheer beschloss schliesslich , den Kommandanten von Treviso, das sich ueber ein Jahr lang gegen die kaiserlichen Generaele gehalten hatte, das Koenigtum anzutragen. Er hiess Totila (541-552)

Totila und Teja, die letzten Ostgotenkoenige.

Mit der Wahl Totilas zum neuen Koenig der Ostgoten begannen elf Jahre Kriegsgeschichte der Goten in Italien, in denen sie wieder zum alten Stil eines kampfstarken umherziehenden Volkes zurueckkehrten. Unter Totilas Fuehrung erobern die Goten 542-550 von Verona aus nahezu ganz Italien bis auf Ravenna zurueck, da es weitgehend von Truppen des Kaisers entbloesst ist.

Erst 550 ernennt Kaiser Justinian seinen Neffen Germanus zum italischen Oberbefehlshaber und ruestet ein starkes Heer aus, um Italien endgueltig von der illegitimen Gotenherrschaft zu befreien. Fuer Germanus wird eine amalische Legitimation geschaffen und er wird mit der Theoderich-Tochter Matasuntha, der vorherigen Gattin von Vitiges, verheiratet. In der kaiserlichen Propaganda wird Germanus als Erneuerer des Westreiches dargestellt, um Italiker und Goten fuer ihn zu gewinnen.

Doch Germanus stirbt schon im September waehrend der Vorbereitungen fuer die Invasion Italiens. Sein Nachfolger als Befehlshaber ist Narses, ein armenischer Eunuch und wie Belisar ein Guenstling der Kaiserin Theodora.

Im Fruehjahr 551 traf Narses bei der Armee ein und erreichte im Sommer Salona ,von wo aus er ueber Istrien zum Isonzo zog. Venetien war jedoch durch die Franken gesperrt und die Via Postumia wurde durch die Goten Tejas, des Kommandanten von Verona, ueberflutet und war damit nicht zu benutzen. Narses waehlte darauf die von den Goten als natuerlich unpassierbar angesehene und deshalb nicht geschuetzte Kuestenlinie. Er brachte es fertig, trotz der vielen Flussarme und Suempfe mit einheimischen Fuehrern sein Heer von 30000 Mann nach Ravenna zu bringen. Moeglicherweise wurde er dabei von der starken Flotte der Byzantiner unterstuetzt.

Bereits neun Tage nach dem Einzug in Ravenna brach Narses am 15. Juni 552 mit dem Heer nach Rom auf. Auf der Hochebene der Busta Gallorum kam es zur offenen Feldschlacht, in der die Goten geschlagen wurden und ihr Koenig Totila fiel.

Unter dem neuen Koenig Teja kam dann das Ende der Eigenstaendigkeit der Goten in Italien. Es war ein Verzweiflungskampf, der durch Geiselmord, Vergeltungsmassnahmen an unschuldigen Roemern, Marsch in den Sueden und Rueckzug nach Neapel gekennzeichnet war. Die letzte Schlacht fand im Oktober zwischen dem Mons Lactarius und dem Fluss Sarno statt. Als Teja gefallen war , kaempften die Goten weiter, bis ihnen Narses die Heimkehr auf ihre Gueter zusagte, sofern sie treue Untertanen des Kaisers wuerden.

Ausser einer Tausendschaft, der es gelang, mit Hilfe eines gotischen Ueberlaeufers durch die roemische Umklammerung zu gelangen, unterwarf sich das Gotenheer. Dem freien Rest gelang es nicht mehr , einen neuen Koenig zu waehlen. Ein Teil schloss sich eingedrungenen Barbaren an und ging mit ihnen unter. Der andere blieb ein militaerisch-politischer Faktor, mit dem der Kaiser wie auch ab 568 die eingedrungenen Langobarden zu rechnen hatten. Viele blieben Arianer, andere wurden katholisch. Papst Pelagius II (579-590 ) war der Sohn des Goten Hunigild. Schliesslich gingen die letzten Ostgoten in dem Voelkergemisch Italiens auf.

Die Arianer gerieten im Mittelalter gemeinsam mit den Arianern in Suedgallien in schwere Auseinandersetzungen mit der roemisch-katholischen Kirche, die schliesslich den Charakter eines moerderischen Religionskrieges annahmen. Wer sich nicht zum Katholizismus bekannte oder auswanderte, wurde als Ketzer getoetet. Damit verschwanden auch in Italien zwar nicht die letzten Goten, aber doch die letzten Anhaenger des arianischen Bekenntnisses in Westeuropa.

_______________________________________

Lesen Sie hierzu, umfassend und uebersichtlich dargestellt :

DIE GESCHICHTE VON ATLANTIS, der vergessene Ursprung unserer Kultur
von Karl Juergen Hepke
Neuerscheinung Anfang 2004, TRIGA-VERLAG, Hardcover, 270 Seiten, Eur 19,80

zurueck