Platons Beschreibung von Atlantis

von Karl Juergen Hepke

Bevor hier zum Teil neue Details ueber die Lage von Atlantis vermittelt werden, soll zunaechst erst einmal der griechische Philosoph Platon mit seiner detaillierten Beschreibung, die er etwa 600 v.Chr. an die Oeffentlichkeit brachte, zu Wort kommen. Er berichtet:(29)

 
"Wie im Vorigen von der von den Goettern angestellten Verlosung erzaehlt wurde, daß sie unter sich die ganze Erde in bald groeßere bald kleinere Lose verteilten und sich Tempel erbauen und Opfer darbringen ließen: so bevoelkerte auch Poseidon, dem jene Insel Atlantis zum Lose fiel, dieselbe mit seinen eigenen Nachkommen, die er mit einem sterblichen Weibe an einer folgendergestalt beschaffenen Stelle der Insel erzeugte.

An der Seekueste, gegen die Mitte der ganzen Insel, lag eine Ebene, die schoener und fruchtbarer als irgendeine gewesen sein soll. In der Naehe dieser Ebene aber, wiederum nach der Mitte zu, befand sich, vom Meer in einer Entfernung von etwa 50 Stadien ( 1 Stadion entspricht ungefaer 192 Metern , d.h. in etwa 10 Km Entfernung ), ein allerwaerts niedriger Berg; auf diesem wohnte ein Mann, namens Euenor, aus der Zahl der anfaenglich der Erde Entwachsenen,( also ein Neandertaler) welcher die Leukippe zur Frau hatte. Beide erzeugten eine einzige Tochter, Kleito. Als das Maedchen bereits die Jahre der Mannbarkeit erreicht hatte, starben ihr die Mutter und auch der Vater.

Poseidon aber, von Liebe zu ihr ergriffen, verband sich mit ihr und machte den Huegel, den sie bewohnte, zu einem wohl befestigten, indem er ihn ringsum durch groessere und kleinere Guertel abwechselnd von Erde und von Wasser abgrenzte, naemlich zwei von Erde und drei von Wasser, die er mitten aus der Insel gleichsam herausdrechselte, ueberallhin gleich weit voneinander entfernt, so daß der Huegel fuer Menschen unzugaenglich war, da es damals noch ebensowenig Schiffe wie Schiffahrt gab.

Er selbst verlieh, als ein Gott, ohne Schwierigkeiten der in der Mitte liegenden Insel froehliches Gedeihen, indem er zwei Fluesse von der Erde herauffuehrte, deren einer seiner Quelle warm, der andere kalt entquoll, und der Erde Nahrungsmittel aller Art zur Genuege entsprießen liess.

Ferner erzeugte er fuenf maennliche Zwillingspaare, liess sie auferziehen ( wahrscheinlich durch Abgesandte seiner ausserirdischen Kultur) und verlieh, indem er die ganze Insel Atlantis in zehn Teile teilte, dem zuerst Geborenen des aeltesten Paares den Wohnsitz seiner Mutter und den diesen rings umgebenden Anteil, als den groessten und vorzueglichsten, und machte ihn zum Koenig der uebrigen, die uebrigen aber zu Statthaltern.

Jedem derselben bestimmte er eine Statthalterschaft mit zahlreichen Bewohnern und einem weiten Gebiete. Allen gab er Namen, dem aeltesten und Koenige aber denjenigen, nach welchem auch die ganze Insel und das Meer genannt wurde, welches deshalb das Atlantische hieß, weil damals der erste Koenig den Namen Atlas fuehrte.

Dessen nachgeborenen Zwillingsbruder, dem das aeusserste, nach den Saeulen des Herakles, dem Landstrich, der jetzt der Gadeirische heißt, gelegene Stueck der Insel zugefallen war, nannte er in griechischer Sprache Eumelos, in der des Landes aber Gadeiros, was dann jenem Gebiet die Benennung geben konnte.

Den einen der zweiten Zwillingsgeburt nannte er Ampheres, den zweiten Euaimon; den erstgeborenen der dritten Mneseus,den nach diesem geborenen Autochthon; den aelteren der vierten Elasippos, den juengeren Mestor; dem Erstling der fuenften wurde der Name Azaes, dessen juengerem Bruder der Name Diaprepes beigelegt.

Diese insgesamt nun, sowie ihre Nachkommen beherrschten viele Menschenalter hindurch noch viele andere im Atlantischen Meere gelegene Inseln und dehnten auch, wie schon frueher berichtet wurde, ihre Herrschaft ueber die innerhalb der Saeulen des Herakles nach uns zu Wohnenden bis nach Aegypten und Tyrrhenien hin aus.

Die Nachkommenschaft des Atlas aber wuchs nicht bloss im uebrigen an Zahl und Ansehen, sondern behauptete auch die Koenigswuerde viele Menschenalter hindurch, indem der aelteste sie stets auf den aeltesten uebertrug, da sie eine solche Fuelle des Reichtums erworben hatten, wie weder vorher bei irgendeinem Herrschergeschlecht in den Besitz von Koenigen gelangt war noch in Zukunft so leicht gelangen duerfte, und da bei ihnen fuer alles gesorgt war, wofuer in Bezug auf Stadt und Land zu sorgen not tut. Denn vermoege ihrer Herrschaft floss von aussen her ihnen vieles zu, das meiste aber fuer den Lebensbedarf lieferte ihnen die Insel selbst.

Zuerst, was da an Starrem und Schmelzbarem durch den Bergbau gewonnen wird, und auch die jetzt nur dem Namen nach bekannte Art - damals dagegen war mehr als ein Name, die an vielen Stellen der Insel aus der Erde gegrabene Gattung des Bergerzes, welche unter den damals Lebenden, mit Ausnahme des Goldes, am hoechsten geschaetzt wurde.

Ferner brachte die Insel auch alles in reicher Fuelle hervor, was der Wald fuer die Werke der Bauverstaendigen liefert, und an Tieren eine ausreichende Menge wilder und zahmer. Und so war denn auch das Geschlecht der Elefanten hier sehr zahlreich; bot sie doch ebenso den uebrigen Tieren insgesamt, was da an Seen, Suempfen und Fluessen lebt und was auf Bergen und in der Ebene haust, reichliche Nahrung, wie auch in gleicher Weise diesem groessten und gefraessigsten.

Was ferner jetzt irgendwo die Erde an Wohlgeruechen erzeugt, an Wurzeln, Graesern, Holzarten und Blumen oder Fruechten entquellenden Saeften, das erzeugte auch sie und ließ es wohlgedeihen, sowie desgleichen die durch Pflege gewonnenen Fruechte; die Feldfruechte, die uns zur Nahrung dienen, und das, was wir ausserdem - wir bezeichnen die Gattungen desselben mit dem Namen der Huelsenfruechte - zu unserem Unterhalt benutzen.

Was Straeucher und Baeume an Speisen, Getraenken und Salben uns bieten, die uns zum Ergoetzen und Wohlgeschmack bestimmten, schwer aufzubewahrenden Baumfruechte und was wir als Nachtisch dem Uebersaettigtem, eine willkommene Auffrischung des ueberfuellten Magens, vorsetzen. Dieses alles brachte die heilige, damals noch von der Sonne beschienene Insel schoen und wunderbar und in unbegrenztem Masse hervor. Da ihnen nun ihr Land dieses alles bot, waren sie auf die Auffuehrung von Tempeln und koeniglichen Palaesten, von Haefen und Schiffswerften sowie anderen Gebaeuden im ganzen Land bedacht und schmueckten es in solcher Aufeinanderfolge aus.

Zuerst ueberbrueckten sie die um den alten Hauptsitz laufenden Guertel des Meeres, um nach aussen und nach der Koenigsburg einen Weg zu schaffen. Diese Koenigsburg erbauten sie aber sogleich vom Anbeginn in diesem Wohnsitz des Gottes und ihrer Ahnen. Indem aber dem einen von dem anderen dieselbe ueberkam, suchte er durch jedesmalige Weiterausschmueckung des Wohlausgeschmueckten seinen Vorgaenger nach Kraeften zu uebertreffen, bis sie ihre Wohnung zu einem durch Umfang und Schoenheit Staunen erregenden Bau erhoben.

Denn vom Meere aus fuehrten sie einen 300 Fuß breiten, 100 Fuß tiefen und 50 Stadien langen Durchstich nach dem aeussersten Guertel, durch welchen sie der Einfahrt vom Meere nach ihm wie nach einem Hafen den Weg bahnten, indem sie einen fuer das Einlaufen der groessten Schiffe ausreichenden Raum eroeffneten.

Auch durch die Erdguertel,welche zwischen denen des Meeres hinliefen, fuehrten sie, an den Bruecken hin, Durchstiche, breit genug um einen Dreiruderer die Durchfahrt von dem einen zu dem anderen zu gestatten, und ueberdachten dieselben, damit man unter der Ueberdachung hindurchschiffen koenne; denn die Erdguertelraender erhoben sich hoch genug ueber das Meer.

Des groessten Guertels, mit welchem das Meer durch den Graben verbunden war, Breite betrug drei Stadien; ebenso breit war der folgende Erdguertel. Von den beiden naechsten hatte der fluessige eine Breite von zwei Stadien ( 390m ), und der Feste war wieder ebenso breit wie der ihm vorausgehende Fluessige. Ein Stadion breit war endlich der um die in der Mitte liegende Insel selbst herumlaufende.

Die Insel aber, auf welcher die Koenigsburg sich erhob, hatte 5 Stadien (ca.1Km) im Durchmesser. Die Insel sowie die Erdguertel und die 100 Fuß (ca30m) breite Bruecke umgaben sie von beiden Seiten mit einer steinernen Mauer und errichteten auf den Bruecken bei den Durchgaengen der See nach jeder Seite Tuerme und Tore, die Steine dazu aber - teils weisse, teils schwarze, teils auch rote - wurden unter der in der Mitte liegenden Insel und unter der Innen- und Aussenseite der Guertel gehauen und so beim Aushauen zugleich doppelte Behaelter fuer die Schiffe ausgehoehlt, die vom Felsen selbst ueberdacht wurden.

Zu den Bauten benutzten sie teils Steine derselben Farbe, teils fuegten sie zum Ergoetzen, um ein von Natur damit verbundenes Wohlgefallen zu erzeugen, ein Mauerwerk aus verschiedenartigen zusammen. Den ganzen Umfang der den aeussersten Guertel umgebenden Mauer versahen sie mit einem Ueberzug aus Kupfer, uebergossen den des inneren mitZinn, den um die Burg selbst aufgefuehrten aber mit wie Feuer glaenzendem Bergerz.

Der Koenigssitz innerhalb der Burg war folgendermaßen aufgebaut. Inmitten derselben befand sich ein unzugaengliches, der Kleito und dem Poseidon geweihtes Heiligtum , mit einer goldenen Mauer umgeben, ebenda, wo einst das Geschlecht der zehn Herrscher erzeugt und geboren wurde. Dahin brachten sie jaehrlich aus den zehn Landschaften jedem derselben die Fruechte der Jahreszeit als Opfer.

Der Tempel des Poseidon selbst war ein Stadion lang, 500 Fuß breit und von einer entsprechenden Hoehe, seine Bauart fremdlaendisch. Von aussen hatten sie den ganzen Tempel mit Silber ueberzogen, mit Ausnahme der mit Gold ueberzogenen Zinnen. Im Innern war die Woelbung von Elfenbein, mit Verzierung von Gold und Silber und Bergerz; alles uebrige, Waende, Saeulen und Fußboden, bedeckten sie mit Bergerz.

Hier stellten sie goldene Standbilder auf; den Gott stehend, als eines mit mit sechs Fluegelrossen bespannten Wagens Lenker, der vermoege seiner Groesse mit dem Haupt die Decke erreichte; um ihn herum auf Delphinen hundert Nereiden, denn soviel glaubte man damals , gaebe es von ihnen.

Auch viele andere, von Maennern aus dem Volke geweihte Standbilder befanden sich darinnen; ausserhalb aber umstanden den Tempel die goldenen Bildsaeulen aller von den zehn Koenigen abstammenden und ihrer Frauen sowie viele andere große Weihgeschenke der Koenige und ihrer Buerger aus der Stadt selbst und dem ausserdem ihrer Herrschaft unterworfenen Lande. Auch der Altar entsprach, seinem Umfange und seiner Ausfuehrung nach, dieser Pracht, und ebenso war der koenigliche Palast angemessen der Groesse des Reiches und angemessen der Ausschmueckung der Tempel. So benutzten sie auch die Quellen, die kalt und warm stroemenden, die einen reichen Zufluss an Wasser hatten und wovon jede durch Annehmlichkeit und Guete des Wassers wundersam zum Gebrauch geeignet war, indem sie dieselben mit Gebaeuden und am Wasser gedeihenden Baumpflanzungen umgaben, sowie mit teils unbedeckten, teils fuer die warmen Baeder im Winter ueberdeckten Baderaeumen, den koeniglichen abgesondert von denen des Volkes sowie denen der Frauen, geschieden von den Schwemmen der Pferde und des anderen Zugviehs, diese alle mit einer der Bestimmung eines jeden angemessenen Einrichtung.

Von dem abfliessenden Wasser aber leiteten sie einen Teil nach dem Haine Poseidons, zu Baeumen aller Art, vermoege der Trefflichkeit des Bodens von ueberirdischer Schoenheit und Hoehe. Den anderen aber, vermittels neben den Bruecken hinlaufender Kanaele, nach den Guerteln ausserhalb, wo vielen Goettern viele Tempel auferbaut waren, ausserdem viele Gaerten und Uebungsplaetze fuer Menschen und davon geschieden fuer Pferde, auf jeder der beiden Inseln.

Unter anderem war mitten auf der groessten Insel eine Rennbahn abgegrenzt, deren Breite ein Stadion betrug und welche ihrer Laenge nach, zum Wettrennen der Pferde bestimmt, die ganze Insel umkreiste.Zu beiden Seiten dieser Rennbahn befanden sich fuer die Masse der Leibwaechter bestimmte Wohnungen; die zuverlaessigeren aber waren auf dem kleineren, der Koenigsburg naeheren Guertel als Wachtposten verteilt, und denjenigen, die durch ihre Treue vorallen anderen sich auszeichneten , Wohnungen in der Burg um die der Koenige selbst herum angewiesen. Die Schiffswerften waren mit Kriegsschiffen und allem Zubehoer eines solchen Schiffes angefuellt, alles aber war vollkommen ausgeruestet.

Solche Einrichtungen waren in der Naehe des Koenigssitzes getroffen. Hatte man aber nach aussen hin die Haefen, deren drei waren, ueberschritten, dann lief vom Meere aus eine Mauer rings herum, welche allerwaerts vom groessten Hafen und Guertel 50 Stadien entfernt war und welche sich dort, wo der Durchstich zum Meer einmuendete wieder zusammenschloss.

Diesen ganzen Raum nahmen zahlreiche und dicht gereihte Wohnhaeuser ein; die Einfahrt und der groesste Hafen aber waren mit allerwaertsher kommenden Fahrzeugen und Handelsleuten ueberfuellt, welche bei solcher Menge am Tag und in der Nacht Geschrei, Laerm und Getuemmel aller Art erhoben.

Es war, der Erzaehlung nach, die ganze Gegend vom Meere aus sehr hoch und steil, das die Stadt Umschließende dagegen durchgaengig eine ihrerseits von bis an das Meer herablaufenden Bergen rings umschlossene Flaeche und gleichmaessige Ebene, durchaus mehr lang als breit, nach der einen Seite 3000 Stadien ( 576 Km ) lang, vom Meere landeinwaerts aber in der Mitte deren 2000 ( 384 Km ) breit.

Dieser Strich der ganzen Insel lief, nordwaerts gegen den Nordwind geschuetzt, nach Sueden. Von den ihn umgebenden Bergen wurde geruehmt, daß sie an Menge, Groesse und Anmut alle jetzt noch vorhandenen uebertraefen. Sie umfassten viele reiche Ortschaften der Umwohnenden sowie Fluesse, Seen, Wiesen zu ausreichendem Futter fuer alles wilde und zahme Vieh, desgleichen Waldungen, die durch ihren Umfang und der Gattungen Verschiedenheit fuer alle Vorhaben insgesamt und fuer jedes einzelne vollkommen ausreichend waren.

Zwei Ernten brachte ihnen jaehrlich der Boden, den im Winter der Regen des Zeus befruchtete, waehrend man im Sommer den Erzeugnissen desselben von den Durchstichen aus Bewaesserung zufuehrte.

Was die Streiterzahl betraf, so war angeordnet, daß von den zum Kriege tauglichen Bewohnern der Ebene jeder Bezirk, dessen Flaeche sich auf 10 mal 10 Stadien belief und deren ueberhaupt 60 000 waren, einen Feldhauptmann stelle. Die Anzahl der von den Bergen und anderweitigen Landstrichen her kommenden wurde als unermesslich angegeben, und alle insgesamt waren, ihren Wohnorten und deren Lage nach, diesen Bezirken und Feldhauptleuten zugeteilt.

Jeder Feldhauptmann musste nach Vorschrift in das Feld stellen: zu 10 000 Streitwagen den sechsten Teil eines Streitwagens, zwei berittene Streiter, ferner ein Zwiegespann ohne Wagenstuhl, welches einen leicht beschildeten Streiter und naechst ihm den Lenker der beiden Pferde trug, zwei schwergeruestete, an Bogenschuetzen und Schleuderern zwei jeder Gattung, so auch an Leichtgeruesteten, naemlich Steinwerfern und Speerschleuderern, von jeder drei. Endlich vier Seesoldaten zur Bemannung von 1200 Schiffen. So war die Kriegsruestung fuer den Herrschersitz des Koenigs angeordnet, fuer die neun uebrigen anderen anders, was anzugeben zuviel Zeit erheischen wuerde.

In Beziehung auf Herrsch- und Strafgewalt waren von Anbeginn folgende Einrichtungen getroffen. Jeder einzelne der zehn Koenige uebte in seiner Stadt Gewalt ueber die Bewohner seines Gebietes und ueber die meisten Gesetze. Er bestrafte und liess hinrichten, wen er wollte. Aber die untereinander geuebte Herrschaft und ihren Wechselverkehr bestimmte Poseidons Gebot, wie das Gesetz es ihnen ueberlieferte und eine Schrift, von den ersten Koenigen aufgezeichnet auf einer Saeule von Bergerz, welche in der Mitte der Insel im Tempel Poseidons sich befand, wo sie sich das eine mal im fuenften, das andere im sechsten Jahre, um der geraden und ungeraden Zahl gleiche Ehre zu erweisen, versammelten. Bei diesen Zusammenkuenften berieten sie sich ueber gemeinsame Angelegenheiten, untersuchten, ob jemand einem Gesetze zuwider handle, und faellten sein Urteil.

Ueber die Ehrenrechte der einzelnen Koenige gab es manche besonderen Gesetze, das wichtigste aber war, keiner solle gegen den anderen die Waffen erheben und alle Beistand leisten, wollte etwa jemand unter ihnen versuchen, in irgendeinem Staate dem Koenigshaus den Untergang zu bereiten. Gemeinsam aber, wie ihre Vorgaenger, sollten sie sich beraten ueber Krieg oder andere Unternehmungen und dabei dem atlantischen Geschlechte den Vorrang einraeumen. Jedoch einen seiner Anverwandten zum Tode zu verurteilen, das sollte, ohne Zustimmung des groesseren Teils der Zehn, in keines Koenigs Gewalt stehen.

Bei solchen Grundsaetzen also und solange noch die goettliche Natur vorhielt, befand sich bei ihnen alles frueher Geschilderte im Wachstum. Als aber der von dem Gotte stammende Bestandteil ihres Wesens, haeufig mit haeufigen sterblichen Gebrechen versetzt, verkuemmerte und das menschliche Gepraege die Oberhand gewann, da vermochten sie bereits nicht mehr ihr Glueck zu ertragen, sondern entarteten und erschienen, indem sie des schoensten unter allem wertvollen sich entaeusserten, dem, der dies zu durchschauen vermochte, in schmachvoller Gestalt. Dagegen hielten sie die des Lebens wahres Glueck zu erkennen Unvermoegenden gerade damals fuer hochherrlich und vielbeglueckt, wo sie des Vollgenusses der Vorteile der Ungerechtigkeit und Machtvollkommenheit sich erfreuten."
Soweit der Originaltext (29)

Es folgt jetzt bei Platon die erzieherische Erklaerung, dass auf Grund der Entartung des Lebens in Atlantis die Goetter beschlossen, die Stadt und das Land zu vernichten. Diese erzieherische Deutung des Untergangs von Atlantis wird auch in der Bibel vertreten, er muendet jedesmal in der Drohung der Priester oder Propheten, dass, wenn das Volk nicht nach den von ihnen vertretenen Regeln lebt, das Strafgericht Gottes in Form der Vernichtung des ganzen Volkes, ueber sie hereinbrechen wird.

Wenn man bedenkt, welchen Schrecken die Vernichtung des so gluecklichen und selbstsicheren Atlantis bei den Menschen des Mittelmeerraums ausgeloest hat, kann man sich vorstellen, dass die Priester mit ihrer Version grossen Erfolg hatten und ihre Stellung als Vermittler zu den Goettern erheblich aufgewertet wurde. Sie waeren ihres Amtes nicht wuerdig gewesen, wenn sie das nicht ausgenutzt haetten.

Platon selbst hat sich mit dieser Wendung der Geschichte keinen Gefallen getan. Er ist dadurch bei vielen kritischen Menschen in den Geruch eines Erziehers geraten, der diese Geschichte von Atlantis nur erfunden hat, um seinen Griechen zu zeigen, wie ein Staat auszusehen hat. Man hat also den erzieherischen Schluss auf die ganze Geschichte bezogen. Dies erscheint bei der Ausfuehrlichkeit der geschichtlichen Darstellung zwar etwas uebertrieben, aber es gab und gibt immer noch genuegend Leute, die deshalb Platons Geschichte von Atlantis in das Reich der Fabel verweisen.

Nun kann man natuerlich einwenden, daß Platon, als hochintelligenter Mensch, diesen ungewollten Effekt haette vorhersehen muessen. Es ist aber auch denkbar, daß er diesen Effekt, mehr oder weniger notgedrungen, vielleicht sogar gewollt hat. Man muß dazu bedenken, daß die Atlanter und ihre Nachfahren, die Phoenizier und Punier, bei den Griechen die bestgehassten Leute waren.

Dieses hatte sich in den Jahrhunderten der gegenseitigen Konkurrenz und der grausamen Kriege, die man gegeneinander fuehrte, bis schliesslich die atlantische Seite auf der Strecke blieb , so ergeben und war zur Zeit Platons und auch Solons hochaktuell. Vielleicht hat deshalb Solon, der nach den Angaben Platons diese Geschichte aus dem aegyptischen Sais mitgebracht hatte und anfangs sogar die Absicht gehabt haben soll , sie zu einem Theaterstueck zu verarbeiten, gezoegert, sie der griechischen Oeffentlichkeit mitzuteilen.

Sein spaeterer Nachkomme Platon jedoch , dem die Geschichte zu wertvoll erschien, um sie der Vergessenheit anheimzufallen zu lassen, hat sie mit Absicht und mit der Schlaeue, fuer welche die Griechen beruehmt und auch beruechtigt waren, mit einem Schluss versehen, der sie in die Naehe einer Fabel rueckte. So konnte er sie, ohne besonders unangenehm aufzufallen oder sogar als Agent des Feindes angeklagt zu werden, unter das Volk bringen.

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Lesen Sie hierzu, umfassend und uebersichtlich dargestellt :

DIE GESCHICHTE VON ATLANTIS, der vergessene Ursprung unserer Kultur
von Karl Juergen Hepke
TRIGA - DER VERLAG, 2.Aufl. 2008, Hardcover, 268 Seiten, Eur 22,00 , ISBN 978-3-89774-539-1

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