Die Entwicklung des heutigen Menschen im Raum zwischen Nordsee und Alpen (18,30)

von Karl Juergen Hepke

1. Die Steinzeit.

 
Um 35000 v.Chr., im sogenannten Aurignacien, finden wir die ersten Spuren eines intelligenten, kuenstlerisch befaehigten und die Toten achtenden Wesens im Raum noerdlich der Alpen. Diese Zeit war eine Kaltphase, die dann um 32000 - 29000 v.Chr. in eine Warmphase ueberging, das sogenannte Denekamp- Interstadial. In dieser Zeit drangen Menschen vom Typ Cro Magnon in die mitteleuropaeischen Steppen ein, um hier zu jagen. Die Beutetiere waren Hoehlenloewen und Hoehlenbaeren, Woelfe, Rot- und Eisfuechse, Mammute, Fellnashoerner, Wildpferde, Rentiere und Schneehasen. Die vorhandenen natuerlichen Hoehlen wurden als Wohnstaetten genutzt, daneben gibt es Hinweise auf Zelte und Huetten. Schneidende Werkzeuge wurden fast ausschliesslich aus Feuerstein hergestellt, der manchmal aus Entfernungen von ueber 100 Km stammten. Die uebrigen Werkzeuge wurden aus Knochen, Geweih oder Holz angefertigt.

Das Besondere ist aber, dass der Mensch dieser Zeit Sinn fuer Schmuck und Kunstgegenstaende besitzt. So gibt es Funde von durchbohrten Schneckengehaeusen , Eisfuchszaehnen und Elfenbeinanhaengern. Aus Elfenbein wurden kleine Figuren , oft halb Mensch halb Tier geschnitzt, die wegen ihrer Groesse von nur einigen Zentimetern wohl ueberwiegend als Anhaenger oder Amulett getragen wurden. Die Bevoelkerungsdichte noerdlich der Alpen im Gebiet Westdeutschlands wird fuer diese Zeit auf 0,1 bis 0,2 Personen pro Quadratkilometer d.h. auf unter 25000 gesamt geschaetzt und entspricht damit der Bevoelkerungsdichte Nordamerikas vor der Ankunft der Weissen.

Um 26000 - 19000 v.Chr. wanderten nach Deutschland Menschen ein, die der Kulturstufe des Gravettien zugerechnet werden. Diese Menschen gab es auch in Spanien, Frankreich, Italien, Belgien, Oesterreich , der Tschechoslowakei und Russland. Im Vorfeld der Gletscher bestand die Landschaft weiterhin aus baumlosen Steppen. Auch die Tierwelt hatte sich wenig veraendert. Hinzugekommen waren Moschusochsen und Hoehlenhyaenen. Skelettfunde aus der Tschechoslowakei zeigen, dass die Menschen dieser Zeit verhaeltnissmaessig gross waren d.h. die Maener erreichten 1,85m die Frauen 1,60m. Sie bauten bereits technisch aufwendige Behausungen, die bis 34m lang und 5,50 m breit waren. Wo Steinkohle zutage trat, benutzte man sie bereits als Heizmaterial. Als Jagdwaffen verwendete man Stosslanzen und Wurfspeere. Aus einem Grabfund bei Moskau ist die Art der Bekleidung bekannt. Sie bestand aus einer Pelz- oder Lederjacke ohne Vorderausschnitt und einer Pelz- oder Wildlederhose, an die leichte Schuhe aehnlich indianischen Mokassins angenaeht waren. Die Hose wurde an den Knien und an den Knoecheln durch breite Schaerpen zusammengezogen. Den Kopf schuetzte eine reich mit Schmuckperlen besetzte Pelzmuetze. Jacke, Hose und Schaerpen waren ebenfalls mit Perlen aus fossilem Holz oder Elfenbein verziert.. Durch diese Verzierungen war eine Rekonstruktion der Bekleidung moeglich, da Leder und Fell nicht erhalten waren. Ausser Schmuckperlen wurden auch Armringe aus Elfenbein mit eingeritztem Sparrenmuster oder eingebohrten Punkten gefunden.

Die Besonderheit dieser Kultur waren ihre erstmals hier auftretenden "Venusfiguren" d.h. Darstellungen von weiblichen Personen mit deutlicher Betonung der breiten Hueften, des Schamdreiecks und der Brueste. Sie finden sich im gesamten Siedlungsgebiet der Gravettien Leute, wobei die Funde aus Deutschland rar sind, dagegen reichlich aus Frankreich, Italien, der Tschechoslowakei und Russland. In diese Zeit gehoert auch die Darstellung einer 30cm grossen nackten Frau mit einem Horn in der Hand aus der Halbhoehle von Laussel in Frankreich.


Nach dieser Zeit bedeckten die Eismassen der Weichsel- oder Wuermeiszeit, die sich hier bis auf 600Km naeherten, den deutschen Raum. Sie reichten im Norden bis kurz vor Hamburg, im Sueden, von den Alpen ausgehend, bis Fuerstenfeldbruck und Starnberg. Auch im Schwarzwald waren die hohen Berge vereist und bildeten bis 20 Km lange Gletscherzungen. In dieser Zeit war Deutschland nahezu menschenleer. Erst mit dem Rueckgang des Eises wanderten um 13000 v.Chr. wieder Menschen aus Frankreich und Spanien, die nahezu eisfrei geblieben waren, nach Nordfrankreich, Belgien, Suedengland, die Nordostschweiz und nachfolgend nach Deutschland ein. Man bezeichnet ihre Kultur als Magdalenien.

In Deutschland bestand diese Zeit klimatisch aus den ersten zwei Phasen der Dryas Zeit, die durch das Boelling Interstadial, einer Warmphase um 11000 - 10000 v. Chr. unterbrochen wurden. Es folgte eine weitere Warmzeit, das Alleroed Interstadial von 9700 - 8700 v.Chr. das durch den Einschlag eines Kometen oder Asteroiden in den Atlantik, einer Polverschiebung und damit verbunden einer Verschiebung der Klimazonen beendet wurde..

Das Magdalenien war die Bluetezeit der Rentierjagd. Die Durchschnittstemperatur lag in den Kaltphasen 6 bis 8 Grad unter den heutigen. Zwergstrauchtundren beherrschten das Bild der Landschaft. Wildpferde und Rentiere traten in groesseren Herden auf. Daneben gab es Mammut, Fellnashorn und Saiga Antilopen. Im Boelling Interstadial lag die Temperatur um etwa 4 Grad niedriger als heute. Wachholder und Birken breiteten sich aus. Die Fauna bestand aus Wildpferden, Rentieren, Hirschen, Auerochsen,Wisenten und Woelfen. Maenner und Frauen dieser Zeit waren kleiner als ihre Vorgaenger aus dem Gravettien. Die Maenner wurden 1,60m die Frauen 1,55m gross. Sie wurden bis zu 60 Jahre alt. Aus den reichlich vohandenen Funden kann man schliessen, dass Deutschland in dieser Zeit dichter als je zuvor besiedelt war..

Die Menschen lebten in Gruppen und errichteten Pfostenbauten mit einem Durchmesser bis 8m. Wege und Fussboeden wurden teilweise mit Schieferplatten gepflastert auf denen wahrscheinlich Tierfelle lagen. Gekocht wurde in Gruben im Boden, die mit Leder oder Tiermaegen abgedichtet waren. In diese Gruben gab man im Feuer erhitzte Steine, die die Fluessigkeit zum Sieden brachten.Aushoehlungen in dicken Schieferplatten, in die man Tierfett und einen Docht gab, dienten als Lampen. Das rote Eisenoxyd Haematit wurde zum Faerben und wahrscheinlich zur Koerperbemalung verwendet. Als verbesserte Jagdwaffen verwendete man Speerschleudern und Harpunen, mit denen man Weiten bis zu 140m erreichen konnte.

Die Jaeger folgten den Rentier- und Wildpferdherden bei ihren jahreszeitlichen Wanderungen und versuchten sie an Engstellen und sich verengenden Taelern zu stellen. Dort fand man bis zu 130 Rentierskelette , die aus ca 30 Jagdunternehmungen stammen sollen. Dass weite Wege zurueckgelegt wurden, dokumentiert sich in Schmuckschnecken, die aus dem Mittelmeer oder Atlantik stammen und in Baden- Wuertemberg gefunden wurden. Moeglicherweise wurden sie beim Treffen mit anderen Jaegergruppen eingetauscht.
Auch die Anfertigung von Zeichnungen und kunstvollen Verzierungen auf Gegenstaenden des taeglichen Gebrauchs zeigt Sinn fuer Schoenheit und Schmuck. In den Ritzzeichnungen wurden Jagdtiere wie Wildpferd und Mammut und seltener Fellnashoerner, Hirsche, Auerochsen, Wolf, Fische und Voegel dargestellt. An Menschendarstellungen gibt es vorwiegend Frauenfiguren in Halbhocke oder im Sprung in strenger Profilansicht mit einem Arm und einer Brust sowie auffaellig betontem Gesaess. Kopf und Fuesse sind nie dargestellt. Ausserdem fand man Kreise, Ovale und Dreiecke, die haeufig mit einem Strich versehen sind. Da eine andere Gravierung eindeutig eine Vulva mit eingefuehrtem Penis darstellt, nimmt man an, dass auch diese Zeichnungen erotische Bedeutung haben. In diesem Sinne gibt es auch Funde von Geroellen mit Bearbeitungsspuren, die als Phallus gedeutet werden und ein rechteckiger Sandsteinblock von ca 50 cm Laenge traegt die Gravierung einer 6cm grossen Vulva..

Dies alles zeigt, dass die Gesellschaft begann, die Objekte ihrer Wuensche, sei es auf dem Gebiet der Jagd, sei es auf dem Gebiet der Erotik, darzustellen. Von hier zu einem ausgepraegten Jagdzauber und Fruchtbarkeitskult war kein weiter Weg mehr. In diesem Sinne muss man wohl auch die haeufige Darstellung von Mischwesen, halb Mensch halb Tier, oft mit erigiertem Penis, verstehen. Moeglicherweise stellen sie Schamanen oder Zauberer dar, die bei Festen sowohl Jagdzauber wie auch Fruchtbarkeitsrituale vollfuehrten. Auf rituelle oder Freudentaenze deuten auch Gravierungen auf Knochen und Schieferplatten hin. Moeglicherweise gab es auch bereits Musikinstrumente wie Knochenpfeifen, die aber in Deutschland bisher nicht nachgewiesen sind. Es ist aber durchaus denkbar, dass es bereits Pfeifen und Floeten aus hohlen Naturprodukten wie Schilf und Rohr gab, die aber der Vergaenglichkeit dieser Materialien unterlagen und deshalb nicht nachgewiesen werden koennen. Es sieht so aus, als wenn der Mensch dieser Zeit beginnt, Freude am Leben zu haben und sich an schoenen Dingen wie Schmuck, Farbe, Kunst, Tanz, Musik und Erotik zu erfreuen..

Die nachfolgende Zeit von 8700 - 8000 v.Chr. wird nicht mehr zum Magdalenien gerechnet. Sie begann mit dem katastrophalen Einschlag eines Asteroiden oder Kometen in den westlichen Atlantik. Dieser Einschlag verursachte ein Taumeln der Erde, in deren Folge die Meere riesige Landflaechen ueberschwemmten und endete in einer Verschiebung der Erdachse um 3000 Km nach Norden. Die beim Einschlag in die Atmosphaere geschleuderten Staub- und Wasserteilchen bewirkten eine Jahrhunderte andauernde Klimaverschlechterung..

Infolge dieser Ereignisse verschwand auch im Raum zwischen Nordsee und Alpen der groesste Teil der Menschen. Man schaetzt, dass um 8000 n.Chr. nur noch ein Fuenftel der Bevoelkerungsdichte des Magdalenien erreicht wurde. Fuer ganz Baden - Wuertemberg waeren dies 200 Menschen. Die durch die Polverschiebung verursachte Klimaaenderung liess eine reichere Flora zu und der sueddeutsche Raum und die Mittelgebirge bedeckten sich mit dichten Waeldern. Entsprechend der geringen Bevoelkerungsdichte gibt es sehr wenige menschliche Spuren aus dieser Zeit. Sie finden sich vor allem in oder bei Hoehlen, in denen die Menschen wohl fuer einige Zeit der Katastrophe Schutz suchten. Alle Hoehlen waren aber nur kurzfristig bewohnt.

Entweder starben die Bewohner bei der Suche nach Nahrung irgendwo in der Wildnis oder sie fanden bessere Ueberlebenschancen in anderen Bereichen. Skelettfunde gibt es aus der Zeit bis 8000 v.Chr. nicht. Dies gilt auch fuer das norddeutsche Flachland, das wahrscheinlich bei der Katastrophe und der nachfolgenden "Sintflut" vom Meer ueberschwemmt wurde und deshalb nachfolgend lange Zeit Tundrencharakter mit vereinzelten Birken, Graesern und Silberwurz (Dryas) hatte. Hier fand man einige wenige Siedlungsplaetze, so bei Ahrensburg bei Hamburg, die aber hoechstens von 10 bis 15 Menschen bewohnt waren. Sie benutzten Werkzeuge aus Stein und Rentiergeweihen. Jagdwaffen waren Pfeil und Bogen, Harpunen und Beile aus Rentiergeweih. Auffallend ist, dass sie sich durch Opfer unsichtbare Maechte gnaedig stimmen wollten. Der Schreck der grossen Katastrophe steckte ihnen offenbar noch lange Zeit tief in den Knochen..

Ab 8000 v.Chr. spricht man dann von der Mittelsteinzeit. Das Klima aenderte sich immer mehr in Richtung Waerme. Anfangs sorgten allerdings die riesigen Eismassen, die ueber Skandinavien aufgetuermt lagen, zumindest im Norden fuer kuehl trockenes Klima. Die abschmelzenden Eismassen verwandelten den Raum der Ostsee in einen Binnensuesswassersee, der erst um 7700 einen breiteren Zugang zur Nordsee gewann, sodass Salzwasser eindringen konnte.Von 7000 bis 5800 wurde das Klima weiter waermer und trockener. Der Meeresspiegel stieg weiter an und die Landverbindungen zwischen Holland, Belgien und Frankreich nach England wurden unterbrochen. Zwischen 5800 und 5000 aenderte sich das Klima zu feucht-warm. Es beginnt das sogenannte "Atlantikum" in dem die Durchschnittstemperatur im Juli in Deutschland bei 18 Grad lag. Es war also waermer als heute. Diese Zeit dauerte bis etwa 3500 v.Chr. Dann begann wieder eine allmaehliche Abkuehlung..


.Die Menschen der Mittelsteinzeit waren selten ueber 1,70m gross. Ihre Gesichtsskelette wurden bis zur Jungsteinzeit immer schmaeler und hoeher, ein Hinweis fuer Zuwanderung aus dem allmaehlich ueberflutenden atlantischen Raum, in dem das Meer um ca 100 m anstieg. Sie lebten weiterhin als Nomaden, errichteten aber bereits groessere Siedlungen aus Baumstaemmen und Ästen, in denen bis zu 100 Menschen mehrere Monate lang lebten. Das Bauholz wurde mit Äxten aus Stein oder Knochen bearbeitet. Eine Neuerung, wie auch die starke Verwendung von Mikrolithen, kleinen scharfkantigen Steinabschlaegen in Form von Dreiecksmesserchen, die hintereinander aufgereiht in eine Geweihstange oder einen Knochen eingeklebt eine Saege ergaben. Diese Mikrolithen verwendete man auch als Pfeilspitzen und Widerhaken an Pfeilen. Pfeil und Bogen waren dann auch die Hauptwaffen dieser Zeit. Ausserdem verwendete man Holzspeere und Harpunen.

Noerdlich der Elbe schlug man aus dem hier reichlich vorhandenen Feuerstein die ersten noch groben Feuersteinbeile, die geschaeftet ein gutes Werkzeug zur Holzbearbeitung darstellten. Weiter suedlich verwendete man dafuer auch andere Gesteinsarten. Weitere Neuerungen waren Haemmer aus knorrigem festen Holz, das man mit einem Schaft versah, Angelhaken, hoelzerne Paddel, Einbaeume, Fischreusen aus Weidenruten, Fischnetze, Stricke aus Bast und Behaelter aus Baumrinde. Dies alles zeigt, dass mit den Zuwanderern ein erheblicher Intelligenz und Wissensschub eintrat, der vor allem die Erstellung von Bauwerken und die Nutzung des Elementes Wasser als Nahrungsspender und Transportweg betraf, darueberhinaus aber auch viele neue Ideen fuer Werkzeuge und Arbeitsmittel beinhaltete. Es waere nicht erstaunlich, wenn man eines Tages auch die Reste der ersten hochseetuechtigen Boote aus dieser Zeit finden wuerde, denn sie waren wahrscheinlich das Mittel, mit dem die Zuwanderer von den allmaehlich ueberflutenden Inseln des Atlantiks an das rettende Festland gelangten.

Neuerungengab es auch in Bezug auf die Kleidung. Auf ostspanischen Felsbildern der Mittelsteinzeit sind die Maenner entweder nackt oder mit einem Lendenschurz dargestellt. Manchmal tragen sie auch knielange Hosen. Die Frauen tragen dort einen glockenfoermigen Rock, Schultern, Brueste und Arme sind nackt. Diese Tracht ist auch aus der minoischen Zeit Kretas bekannt. Da im Mittelmeerraum das Klima sicher guenstiger war als in Deutschland, werden hier, zumindest in der kaelteren Jahreszeit, andere Bekleidungsstuecke, moeglicherweise aus Hirschleder, getragen worden sein. Der Bekleidungsschmuck bestand wieder aus durchbohrten Zaehnen von Tieren und Schmuckschnecken. Koerperbemalung mit roter Farbe war ueblich..

Auch Musik und Tanz gab es wieder. Durchlochte Tierknochen dienten als Pfeifen und man liess an Schnueren befestigte Schwirrgeraete rotieren. Auch aus vergaenglichem Material gefertigte Musikgeraete duerfte es gegeben haben. Die Toten wurden in Einzelbestattungen oder in Kollektivgraebern beigesetzt. Man ueberschuettete sie oft mit einem gelbbraunen Farbstoff. Manchmal wurde der Kopf vom Koerper getrennt und gesondert bestattet..

Um 5500 v.Chr. wanderten dann die ersten Bauern ins suedliche Niedersachsen ein. Woher sie kamen ist umstritten. Einige behaupten , dass sie aus dem Osten kamen und der sogenannten linienbandkeramischen Kultur angehoerten. Nach dem heutigen Stand der Forschung ist es aber wahrscheinlicher, dass sie aus dem Westen kamen und der atlantischen Kultur angehoerten. Dies deshalb, weil der Beginn des Ackerbaus in ganz Westeuropa nahezu gleichzeitig mit der neuen Sitte der Errichtung von Grosssteingraebern einsetzte.


Die Anfaenge der Grosssteingraeber sind aber eindeutig an den Kuesten und den Flusseinzugsgebieten des Atlantiks, der Nordsee und der Ostsee zu finden. Diese Kultur kam ueber das Wasser und sie brachte Ackerbau und Haustierzucht mit. Dies schliesst nicht aus, dass auch aus dem Donauraum Informationen ueber Ackerbau und Viehzucht kamen. Die Neuerung lag im Zug der Zeit und verbreitete sich sicher auf vielen Wegen..

2. Die Jungsteinzeit oder das Neolithikum.

Als Neolithikum wird allgemein die Zeit bezeichnet in der Ackerbau und Viehzucht die Grundlage fuer die Ernaehrung des Menschen wurden. Jagd und das Sammeln von Wildfruechten trat dagegen zurueck.Verbunden war mit der Ausuebung des Ackerbaus eine Sesshaftigkeit mit Anlage von festen Siedlungen, die winterfest waren und viele Jahre bewohnt wurden. Fast wichtiger als der Ackerbau war aber die Zucht von Rind, Schaf, Ziege, Schwein, die in dieser Zeit ziemlich unvermittelt in "zahmen" Formen auftraten. Sie liessen sich vom Menschen hin und hertreiben und fuerchtete ihn nicht, wie es sonst ausnahmslos alle Wildformen machen, die sich deshalb auch nicht in Gehegen halten lassen. Auf die denkbare Ursache dieser Veraenderung wirdan anderer Stelle eingegangen und kann dort nachgelesen werden. Die einwandernden Bauern brachten diese neuen Tierformen aus ihrer Heimat mit und zuechteten sie nicht vor Ort..


Im vorderen Orient sind diese zahmen Tierformen seit etwa 7000 v.Chr. bekannt. Aehnlich hat es sicher in Nordafrika ausgesehen. Hier sind Menschen mit Rinderherden auf Felsbildern schon in sehr frueher Zeit dargestellt. Nach Deutschland kamen die Neuerungen wahrscheinlich auf zwei Wegen. Einmal ueber die Donau aufwaerts in den ungarischen , oesterreichischen und bayrischen Raum. Zum anderen ueber Spanien, Frankreich in den westdeutschen und etwa 500 Jahre spaeter in den norddeutschen Raum. Hier fand die Einwanderung der Menschen, die auch die Sitte der Bestattung der Toten in Megalithgraebern mitbrachten, weitgehend unter Nutzung der Wasserwege ueber das Meer und die einmuendenden Fluesse statt.

Das Klima war in dieser Zeit, dem sogenannten "Atlantikum" so warm, dass die europaeische Sumpfschildkroete (Emis orbicularis) in Deutschland heimisch war. Die Waerme liebende Wassernuss (Trapans natans) war bis nach Schweden verbreitet. Es herrschten wegen der gleichfalls vorhandenen Feuchtigkeit ideale Bedingungen fuer Ackerbau und Viehzucht und die neugegruendeten Siedlungen wuchsen und gediehen..

Waehrend die fruehen Neolithiker der "linienkeramischen Kultur" ( so genannt nach den linienfoermigen Ornamenten auf ihrer Keramik) noch weitgehend den Mesolithikern glichen und die Maenner um 1,70m, die Frauen 1,60m gross waren, traten im weiteren Verlauf des Neolithikums im Westen die "Grazilmediterraniden" auf. Sie waren kleiner und hatten einen grazilen Schaedel und Koerperbau, eine staerkere Woelbung der Stirn, geringere Hoehe des Gesichts und eine relativ breite Nase. Bei ihnen handelte es sich ohne Frage um Einwanderer, die moeglicherweise aus dem immer trockener werdenden Nordafrika stammten und auf dem genannten Seeweg nach Deutschland kamen. In Osteuropa lebten demgegenueber die kraeftig gebauten Menschen waehrend des ganzen Neolithikums. In der Zeit nach 2800 v.Chr. waren dann auch die Skelette der Menschen im Westen wieder weniger grazil. Die Einwanderer hatten sich vermischt oder waren wegen des jetzt kuehler werdenden Klimas in den Mittelmeerraum zurueckgekehrt. Die um 3000 v.Chr. einsetzende Einwanderung der "Amurrus" oder Amoriter nach Kanaan und Syrien deutet in diese Richtung..

Die aus dem Sueden nach Mitteleuropa eingewanderten Menschen brachten eine hoehere Kultur und erstaunliches medizinisches Wissen mit. Man verstand z.B.: Armbrueche zum Teil besser als heute einzurichten und zu schienen, sodass der Arm voll verheilte und ohne Einschraenkung funktionstuechtig war. Ausserdem wurden komplizierte Schaedeloperationen (Trepanationen) mit grossem Erfolg durchgefuehrt. Man muss davon ausgehen, dass dazu eine Betaeubung noetig war , die moeglicherweise durch Getraenke mit entsprechender Wirkung erreicht wurde. Da diese Operationen haeufig vorgenommen wurden,muss man annehmen, dass es Schulen gab, in denen diese Kunst gelehrt wurde. Moeglicherweise waren sie mit den Priesterschulen identisch, denn die Ausuebung der Heilkunst ist in urspruenglichen Kulturen immer eine Sache der Priester, Schamanen oder Medizinmaenner , wie immer man sie nennen mag..

Auch der Haus- und Siedlungsbau erreicht jetzt eine ganz andere Qualitaet. Man errichtete bis zu 40m lange Haeuser, die mit relativ kleinen Stirnseiten, aber in der Mitte breiter und hoeher in gewisser Weise an Schiffsruempfe erinnern. Moeglicherweise waren die "Architekten" dieser Haeuser und die Schiffsbauer, wie auch noch Jahrtausende spaeter in Frankreich, eine Zunft. .

Man legte Siedlungen mit bis zu 40 Haeusern an, sodass dort mehrere hundert Menschen leben konnten. Fuer die damalige Zeit kann man schon fast von Staedten reden. Nicht selten wurden diese "Staedte" von Graeben, Waellen und Palisaden umgeben. Dies zeigt, dass die Einwanderer in grossen Gruppen kamen und sich im fremden Land gegen bereits vorhandene Menschen und ihre Ueberfaelle auf die Neuankoemmlinge schuetzen wollten. Es entwickelte sich aus der Vorliebe fuer die Ansiedlung am Wasser bei schwankenden Wasserstaenden eine neue Form des Hausbaus, die sich bis zum Ende der Bronzezeit hielt: Der Bau der Haeuser auf im Wasser auf eingerammten Pfaehlen stehenden Plattformen, die sogenannten"Pfahlbauten". Vorwiegend wurde aber immer noch auf festem Grund am Ufer gebaut.

Fuer den Weg ueber Land, fuer den man seit der um 3500 v.Chr. nachgewiesenen Verwendung des aus Holz gefertigten Scheibenrades zwei und vierraedrige Wagen, gezogen von Rindern, einsetzte, wurden um 3000 v.Chr. in sumpfigen Gebiten regelrechte Strassen in Form von 4m breiten Holzbohlenwegen angelegt, die oft mehrere Kilometer lang waren. .

Dies alles zeigt, dass es sich bei den einwandernden Bauern nicht um separate Gruppen handelte, sondern es steht ein gemeinsamer verbindender Geist und Wille dahinter. Dies drueckt sich deutlich auch in ihrer Grabkultur der "Megalithgraeber" aus, auf diean anderer Stelle noch gesondert eingegangen wird. Wir haben es also mit Menschen zu tun, die im Geist und in der Kultur des "atlantischen Reiches" stehen..

Bezeichnend fuer dieses Reich war ein weitreichender Fernhandel. Mit ihm kamen weiterhin Schmuckschnecken, dann aber auch dekorative Tongefaesse, Bernstein und andere seltene Steine und schliesslich die ersten Kupfer, Silber und Goldgegenstaende nach Deutschland..

Fuer die taegliche Arbeit verwendete man weiterhin Werkzeuge aus Stein. Die Schlagtechnik wurde aber weiter verfeinert und man stellte am Ende Dolche, die solchen aus Bronze perfekt nachgebildet waren, im norddeutschen Raum her. Steinbeile und Äxte wurden geschliffen und mit Bohrungen fuer den Schaft versehen. Gebohrt und geschliffen wurde unter Zusatz von harten Mineralien wie Quarzsand, Granit oder Basaltgrus. Bohrungen wurden zum Teil als Hohlbohrungen ausgefuehrt bei denen der Kern stehenblieb. Als Bohrer verwendete man dann hohle Hoelzer wie Holunder oder Schilfrohr oder einen hohlen Knochen..

Die Hauptwaffen waren weiterhin Pfeil und Bogen. Am Ende der Jungsteinzeit, zur Zeit der Glockenbecherkultur, verwendete man dazu Armschutzplatten aus Stein, die den Unterarm nach dem Schuss gegen die zurueckschnellende Bogensehne schuetzten. Mit dem Nachbau eines Bogens von 1,75m Laenge erreichte man Weiten von mehr als 120m. Es handelte sich also schon um eine beachtliche Fernwaffe. In einigen Bereichen wurden dazu auch Streitaexte aus Stein hergestellt. Durch die Zunahme von Werkzeugen, Waffen und Menschen, die ihrer bedurften, stieg der Bedarf an Feuerstein und es entwickelte sich auch damit ein weitreichender Fernhandel mit Lieferungen aus norddeutschen Vorkommen und Tagebauten bis nach Frankreich und Spanien. Auch andere Steinarten waren begehrt. So fertigte man in Mitteleuropa sogenannte "Schuhleistenkeile", ein Universalwerkzeug zur Holzbearbeitung, aus Felsgestein an, das im hohen Balkan und den Karpaten vorkam..

Man kann wohl zu Recht davon ausgehen, dass auf Grund der vielfaeltigen Aktivitaeten sich Spezialisierungen in der Gesellschaft ergaben. Es gab Leute, die perfekt in der Bearbeitung von Stein fuer Werkzeuge und Waffen waren. Andere verstanden sich auf Haus- und Schiffbau. Daneben gab es Haendler, die weite Reisen zu Schiff und mit Wagen machten, um Waren ueber hunderte wenn nicht sogar tausende von Kilometern zu befoerdern . Es gab Spezialisten fuer die medizinische Versorgung von Verletzungen und Erkrankungen, die moeglicherweise auch fuer den religioesen Kult bei Bestattungen in den Megalithgraebern zustaendig waren. Auch Ort und Aufbau des Grabes und seine Errichtung wurden sicher von ihnen geplant und organisiert. Bauern und Krieger waren wohl noch alle Maenner, waehrend die Frauen sich um die Aufzucht der Kinder, einen Teil der Land- und Gartenwirtschaft und die Nahrungsbereitung kuemmerten. Daneben stellten sie durch Spinnen und Weben Stoffe fuer Kleidungsstuecke her, die zum Teil bereits gemustert waren..

Auch Schmuck wurde in immer raffinierterer Form hergestellt. Material dafuer war die Spondylus Muschel , die aus dem Sueden eingefuehrt wurde, und Muscheln der Gattung Caudium und Deutalium. Weiterhin verwendete man Tierzaehne, fossiles Holz (Gagat) , Knochen, Geweihstuecke, Perlmutt und als Neuerung Bernstein. Zur Zeit der Glockenbecher - Kultur kam dazu Schmuck aus Kupfer und Gold..

Diese nach der neuartigen glockenaehnlichen Form ihrer Keramik benannte "Kultur" stellt eine Besonderheit dar, weil sie sehr moderne Zuege aufweist und das Tor zur nachfolgenden Bronzezeit aufstoesst. Man koennte ihre Menschen als die ersten echten "Atlanter" d.h. Vertreter des bereits etablierten atlantischen Reiches betrachten.Ihre Spuren finden sich von Spanien und Portugal im Suedwesten bis Ungarn im Osten und von Italien im Sueden bis England und Polen im Norden. Manche Menschen, vor allem Maenner, besassen einen auffallend steilen Hinterkopf, den man auch planocippitalen Steilkopf nennt. Er erinnert an die Kopfform der Figuren der Osterinsel. In Mitteleuropa gab es dafuer keine Vorlaeufer. Heute kommt diese Kopfform noch haeufiger in Portugal und im Baskenland und vereinzelt in ganz Europa und dem vorderen Orient vor.

Spaerliche Besiedlungsspuren und viele Hinweise auf Verwendung von Pfeil und Bogen lassen die Glockenbecher-Leute als Gruppen "reisender Bogenschuetzen" erscheinen, die auf der Suche nach Metallvorkommen waren. Sie waren ungewoehnlich gross und erreichten 1,77m. Anscheinend bestanden die Gruppen nur aus Maennern, denn entsprechende Frauenskelette fand man nicht. Man koennte auf Grund dieser Merkmale auf die Idee kommen, dass es sich bei ihnen um die Abgesandten einer weit hoeher entwickelten und mit der Metallgewinnung und Verarbeitung voll vertrauten Zivilisation handelte. In Sachsen Anhalt und der Tschechoslowakei aufgefundene Werkzeuge und Gussformen fuer Kupfer beweisen jedenfalls, dass sie die Verarbeitung von Kupfer hervorragend beherrschten..

Die Glockenbecher-Leute betrieben auch Pferdezucht und es ist denkbar, dass sie Pferde bereits als Reittiere verwendeten. Eine andere Moeglichkeit ist die, dass sie Pferde als schnelle Zugtiere vor zweiraedrigen Wagen benutzten. Die in der nachfolgenden Bronzezeit verwendeten, von Pferden gezogenen Streitwagen deuten mehr in diese Richtung . Sie betrieben offenbar auch Fernhandel, was durch die weite Verbreitung des aus Grand Pressigny stammenden besonders wertvollen Feuersteins bewiesen ist. Grand Pressigny liegt etwa 50Km suedlich von Tours in Frankreich. Seinen Feuerstein fand man in der Bretagne, in Belgien, Holland und der Schweiz. Auch der Handel mit dem immer mehr in Mode kommenden Bernstein faellt in ihre Zeit, ebenso wie die erste Verwendung der neuen Metalle Gold, Silber und Elektron. Von hier zur Bronze, nach der dann die nachfolgende Zeit benannt wird, war es nicht mehr weit..

Da die Menschen der Jungsteinzeit als Ackerbauern und Viehzuechter auf gutes Wetter angewiesen waren und sehr unter Unbilden der Natur wie Stuerme, Gewitter, andauernde Regenperioden oder Trockenzeiten zu leiden hatten , suchten sie ihre Goetter vor allem in der Natur. Dazu kam wohl noch die Erinnerung durch muendliche Ueberlieferung an den "Weltuntergang" der kosmischen Katastrophe von 8500 v.Chr.. Dies fuehrte zur Beobachtung des Himmels, der Verfolgung der Regelmaessigkeit der Gestirne und der Suche nach ungewoehnlichen Himmelskoerpern, die moeglicherweise neue Gefahren mit sich bringen konnten..

Es aeusserte sich in der Verehrung der Sonne als bestaendigem und wichtigsten Lebensspender. Eine andere "Gottheit" drueckte sich im lebensspendenden Regen aus, liess Quellen und Gewaesser fliessen, brachte aber auch Sturm und furchterregende Gewitter. In Kanaan verehrte man diese Gottheit als Baal, den "Herrn". Die Griechen, von gutem Wetter verwoehnt, sahen sein Wirken vor allem in den bedrohlichen Stuermen des Meeres und nannten ihn Poseidon. Nach Platon sollte er zum Schutzgott und Foerderer des heraufdaemmernden atlantischen Reiches werden..

In der Jungsteinzeit erscheinen die ersten Schriftzeichen, die bereits im sechsten Jahrtausend v. Chr. verwendet werden, bis jetzt aber noch nicht entziffert sind..


Zusammenfassend kann man sagen, dass in diesem relativ kurzen Zeitraum von etwa 3000 Jahren eine voellig neue Kultur in Europa und den Orient einzog, in der neue Wirtschafts- und Lebensweisen aber auch neue Werte und Glaubensvorstellungen, verbunden mit einer neuen Gesellschaftsstruktur sich ausbreiteten. Zu Recht spricht man deshalb von der "Neolithischen Revolution" ,welche die Menschheit eine neue Stufe erreichen liess, die in vieler Beziehung noch bis heute Gueltigkeit hat.

 

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Lesen Sie hierzu, umfassend und uebersichtlich dargestellt :

DIE GESCHICHTE VON ATLANTIS, der vergessene Ursprung unserer Kultur
von Karl Juergen Hepke
TRIGA-DER VERLAG, 2.Aufl. 2008, Hardcover, 268 Seiten, Eur 22,00 , ISBN 978-3-89774-539-1

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