Die Ausbreitung des Christentums ( ca. 100 - 300 n. Chr ) (7c,12c)

von Karl Juergen Hepke

Als die Apostel durch Hinrichtung oder natuerlichen Tod verschwanden, mussten die neugegruendeten Gemeinden zeigen, dass sie stark genug waren, in einem Meer von Glaeubigen der verschiedensten Richtungen und Heiden, die keiner Glaubensrichtung angehoerten, zu ueberleben. Sie griffen dabei weitgehend auf die Rezepte der Juden zurueck.Sie kapselten sich von der uebrigen Welt weitgehend ab und schlossen sich in Gemeinschaften zusammen, in denen allen Alles, ausser den Frauen, gehoerte.

 
Den Frauen wurde die Zucht abverlangt, deren Grundzuege Paulus definiert hatte. Sie waren voellig dem Manne untertan, mussten ihr Haar bedeckt tragen,durften im Gottesdienst nicht singen, mussten schweigen, wenn die Maenner sprachen, durften weder Schmuck noch Kosmetika verwenden und letztendlich als graue Maeuse leben, die dem Manne als Bettgenossin diente, damit er seine sexuellen Beduerfnisse nicht auf "unsittliche" Weise befriedigen musste. Ihre Hauptaufgabe war, im Hause fuer das Wohlbefinden von Mann und Kindern zu sorgen und selbst moeglichst viele Kinder zur Welt zu bringen. Geburtenbeschraenkung und Abtreibung waren verboten, ebenso aussereheliche Beziehungen und Ehescheidung, mit der Ausnahme von Mischehen,. Ueber das entsprechend Wohlverhalten wachte die ganze Gemeinde, und da diese meist nicht gross war, war ausreichend Transparenz vorhanden.

Die Grundlage fuer dieses fuer die Frauen deprimierende Dasein war die feste Meinung, dass, wie von den Aposteln immer wieder verkuendet, der Untergang der Erde, der juengste Tag und das juengste Gericht nahe bevorstanden und sich dann alle Beschraenkungen und alle Freudlosigkeit in ewige Seligkeit aufloesen wuerden. Die Christen waren auf diese Weise vorbildliche Mitglieder der Gesellschaft und warben fuer ihre Religion, wie Paulus es vorhergesehen hatte, nicht nur mit Worten, sondern vor allem durch ihr vorbildliches sittliches Verhalten. Das einzige Vergnuegen fuer sie war die Versammlung der ganzen Gemeinde am Sabbat und spaeter am Sonntag, wo die Messfeier in Form der Opferung von Brot und Wein, die sich in aus den Mysterienkulten uebernommenen Vorstellungen in Leib und Blut Christi, des Opferlamms , verwandelten, gefeiert wurde.

Nach der Feier trennte man sich mit dem "Liebeskuss", der "Agape", einem Kuss auf den Mund. Er wurde in einigen Gemeinden nur von Mann zu Mann und von Frau zu Frau, in anderen aber auch gemischt gegeben. Als offenbar wurde, dass dieses erotische Gefuehle ausloesen konnte, wurde erst verlangt, den Kuss nur mit geschlossenem Mund zu geben. Dann, als sich auch dies noch als zu "sexy" erwies, verzichtete man auch auf dieses letzte gemeinschaftliche Vergnuegen.

Entsprechend der strengen Moral im taeglichen Leben war auch das Verhalten gegenueber der Kunst.
Abbildungen des Menschen, vor allem wenn er, wie in der Antike ueblich, nackt und mit unbedeckten Geschlechtsteilen dargestellt war, wurden als die Moral gefaehrdend abgelehnt. Dies galt sowohl fuer die Plastik wie fuer die Malerei. Beliebt dagegen waren Ornamente und Blumen, das Mosaik erfreute sich mit Darstellungen des Opferlamms oder von Scenen aus dem neuen Testament grosser Beliebtheit. Der Versammlungsraum wurde, als die Gemeinden wuchsen, die roemische Basilika, die mit ihrer Apsis den natuerlichen Raum auch fuer den christlichen Altar bot.

In einer Zeit, die durch den Verfall der alten Werte und Religionen, durch massloses Wohlleben und moralische Unbedenklichkeit und Zuegellosigkeit bei den Wohlhabenden, durch Menschenverachtung, erbarmungslose Ausbeutung der Sklaven und Untergebenen und durch staatliche Willkuer gekennzeichnet war, bot das Christentum eine Insel der Anstaendigkeit, der gegenseitigen Hilfsbereitschaft und des Mitgefuehls.

So war es nicht verwunderlich, dass die Gemeinden vor allem in der einfachen Bevoelkerung und den Sklaven, aber auch bei Begueterten, denen die staatliche und gesellschaftliche Unmoral zum Aergernis wurde, zunehmend Anhaenger fanden und wuchsen und gediehen. Ein wichtiger Grund dafuer war aber auch, dass keinerlei Beschraenkungen oder Auflagen fuer die Aufnahme galten. Es konnten Sklaven, Wohlhabende, Bauern, Handwerker, Soldaten und Philosophen, Maenner sowie Frauen Mitglied der Gemeinde werden. Alle wurden freundlich aufgenommen, soweit sie willens waren, den neuen Glauben anzunehmen, sich taufen zu lassen und die Regeln der Gemeinschaft zu achten. Da viele geradezu begeisterte Anhaenger des neuen Glaubens wurden, waren sie die besten Verkuender und Werber. So breitete sich das Christentum mit hoher Geschwindigkeit, die ueblichen Verkehrs- und Reiserouten nutzend, im ganzen roemischen Reich aus.

Kleinasien, der Ausgangspunkt der Bewegung, wurde als erstes Gebiet vorwiegend christlich. Dies galt vor allem fuer die grossen Staedte wie Smyrna und Ephesos. In Nordafrika wurden die Handelsstaedte Karthago und Hippo zu Hochburgen der Christen. In Rom zaehlte die Christengemeinde Ende des dritten Jahrhunderts bereits 100 000 Mitglieder. Zur gleichen Zeit waren im Osten etwa ein viertel im Westen etwa ein zwanzigstel der Bevoelkerung Christen. Es ist verstaendlich, dass bei diesem grossen Zustrom nicht nur die sittlich besten Menschen in die Kirche draengten. Als es sich erwies, dass der juengste Tag von Datum zu Datum fuer den man ihn vorausgesagt hatte immer weiter in die Zukunft wanderte, erlahmte der sittliche Eifer und die Christen wurden wieder zu normalen Menschen. Die Frauen begannen wieder sich schoen zu machen und die Haeufigkeit von Ehebruch, Scheidungen und ausserehelichen Beziehungen erreichten wieder normale Groessenordnungen. Dies rief von Zeit zu Zeit die Moralapostel auf den Plan, die in paulinischer Art dagegen wetterten, ohne viel aendern zu koennen.

Die Gefahr fuer das Christentum kam auch nicht von dieser Seite, sondern von Konkurrenzlehren und von neuen Lehrern innerhalb des Christentums, die jede Menge von neuen Ideen in das noch instabile Glaubensgebaeude einzubringen versuchten. Die Moeglichkeit dazu ergab sich aus der raeumlich weiten Verbreitung des Christentums und den relativ schlechten Kommunikationsmoeglichkeiten der einzelnen geistigen Zentren untereinander. Es gab zwar die Moeglichkeit Briefe zu schreiben, wie die Paulusbriefe beweisen, ob sie aber die erwuenschte Wirkung hatten, war eine andere Sache. Sicher gingen auch schon damals unerwuenschte Briefe "verloren" . Andererseits entstanden "Briefe", die einem Absender unterstellt wurden, der sie garnicht geschrieben hatte.

Es blieb also nur die Moeglichkeit einer Reise und sie wurde auch erstaunlich oft benutzt. Sie dauerte aber oft Wochen oder sogar Monate und war hin und wieder durch Schiffbruch oder raeuberische Ueberfaelle gekennzeichnet. So war es moeglich, dass sich die Christenheit der einzelnen Zentren in der Meinung ueber grundsaetzliche Fragen auseinanderentwickelte. Zu diesen Zentren gehoerte vor allem auch Alexandrien, das auf Grund seiner hohen Bedeutung in der Geisteswelt des Hellenismus hier eifrig mitmischte. Die orphischen, neupythagoreischen und neuplatonischen Ueberlieferungen veranlassten Basilides, Valentinus und andere, ueberirdische Systeme "goettlicher Emanationen" und personifizierte Welt "Aeonen" zu erdenken.

Der Gnostizismus, das Streben nach gottaehnlicher Erkenntnis mit mystischen Mitteln war nach wie vor eine Konkurrenz zum Christentum. In Samaria erschien die "Megale Apophasis", eine Schrift, deren Autor moeglicherweise der Simon Magus aus Samaria war, der von Petrus der "Simonie", des Verkaufs von Kirchenaemtern, beschuldigt wurde. Es war eine Schrift, die eine Unmenge von Vorstellungen und Massnahmen zusammenfasste, die den menschlichen Geist zum goettlichen Verstaendnis aller Dinge fuehren sollten. Dies waren alles noch Erscheinungen von mehr oder weniger gut verarbeitetem Wissen aus atlantischer Zeit, das ueber Persien und die Magier Babylons seinen Weg in den Hellenismus und nach Alexandrien gefunden hatte. Dies war sicher ein Grund mit, warum die Bibliothek von Alexandrien in den Augen Roms sich zum Aergernis entwickelte und deshalb eines Tages durch fanatisierte Christen verbrannt und vernichtet wurde.

Um 140 n. Chr. kam ein reicher junger Mann mit Namen Markion aus Sinope nach Rom "um das Werk des Paulus zu vollenden". Nach seiner Lehre hatte Jahve den Menschen nur unvollkommen erschaffen, weil er der Seele nur einen jaemmerlichen Leib aus dem Stofflichen gab. Christus kam dreissigjaehrig in einem geisthaften unstofflichen Leib auf die Erde und gewann mit seinem Tod dem Menschen das Vorrecht der rein geistigen Wiederauferstehung. Wer Christus nachleben will, soll Jahve und dem juedischen Gesetz entsagen. Als gueltige Schriften liess er nur das Lukasevangelium und die Paulusbriefe bestehen.

Danach koennte man ihn tatsaechlich fuer eine Wiedergeburt von Paulus halten. Die Kirche erwies sich undankbar , exkommunizierte ihn und gab ihm das Geld zurueck, das er ihr bei seiner Ankunft geschenkt hatte. Trotzdem verbreitete sich seine Sekte, wie auch die der Gnostiker schnell innerhalb des Christentums.

Um 156 n. Chr. erschien ein neuer Ideentraeger mit Namen Montanus in Mysien. Er wetterte gegen die zunehmende Weltfreudigkeit der Christen, verurteilte die Autoritaet der Bischoefe und forderte Rueckkehr zum Urchristentum mit alter Sittenstrenge. Fuer die Mitglieder der Gemeinde forderte er das alte Recht zu weissagen und inspirierte Reden zu halten. Die Aussprueche , die zwei Frauen seiner Gemeinde in Trance gemacht hatten, wurden von seiner Sekte als Orakel benutzt. Montanus predigte mit solch ekstatischer Beredsamkeit, dass seine Anhaenger ihn als Verkoerperung des von Christus verheissenen "Heiligen Geistes" ansahen. Er verkuendete wieder einmal, das Reich Gottes stehe nahe bevor und das neue Jerusalem werde bald auf einer nahegelegenen Ebene niedergehen. Die gesamte Bevoelkerung einiger Staedte sammelte sich dort zu einer grossen Gemeinschaft, in der Ehe und Zeugung abgeschafft waren, der Besitz in Guetergemeinschaft aufging und alle sich in Askese auf die Ankunft Christi vorbereiteten.

Als um 190 n. Chr. die Roemer in dieser Gegend die Christen verfolgten, versammelten sich hunderte von Montanus-Anhaengern vor ihrem Tribunal und forderten das Martyrium fuer sich, um ins Paradies einzugehen. Die Roemer erwiesen sich als unfaehig einer solchen Menge diesen Gefallen zu tun und wiesen sie gefuehl- und verstaendnislos auf Abgruende und Stricke hin, die ja auch geeignet waeren, aus dem Leben zu scheiden. Als im 6. Jahrhundert Justinian befahl, die Sekte auszurotten, versammelten sich die Anhaenger in ihren Kirchen, steckten sie an und liessen sich bei lebendigem Leibe verbrennen. Ausser diesen genannten Hauptbewegungen gab es eine ganze Reihe weiterer Versionen, die im wesentlichen zwei Hauptrichtungen zuzuordnen sind. Zum einen der Fortfuehrung der paulinischen Idee der Askese, Enthaltung vom Geschlechtlichen und Vermeidung bestimmter Speisen zur Vervollkommnung des Geistes. Zum anderen der Befassung mit der Person Christi, fuer dessen Existenz als Mensch und als Gott oder vergeistigtes Wesen die verschiedensten Modelle entwickelt wurden.

Zur echten Gefahr fuer das Christentum wurde die auf altem Ideengut beruhende Lehre des Mani von Ktesiphon, die er 242 n. Chr. anlaesslich der Kroenung Schapurs I verkuendete. Er sagte, er sei der Messias, der von Gott auf die Erde gesandt sei, um der Menschheit sittliche und religioese Erneuerung zu bringen. Er vereinigte in seiner Lehre Elemente aus den Lehren Zarathustras und Moses, aus dem Mithraskult und der Lehre der Gnostiker. Dies war eine hochkaraetige Mischung der zu der Zeit besten aus den alten Kulturen hervorgegangenen Lehren.

Er teilte die Welt in die sich bekaempfenden Reiche der Finsternis und des Lichts auf. Die Erde gehoere dem Koenig der Finsternis und Satan habe den Menschen erschaffen.

Die Engel des Lichtgottes haetten aber heimlich einige Elemente des Lichts in die Menscheit eingeschmuggelt und zwar Geist, Verstand und Vernunft.

Die Frau ist das Meisterwerk des Satans, mit ihr verfuehrt er die Menschen zur Suende. Einige Funken des Lichts enthaelt aber sogar sie.

Wenn der Mensch ( das kann nach dem vorangegangenen wohl nur noch der Mann sein) sich allem geschlechtlichen enthaelt, ein asketisches Leben fuehrt, fastet und kein Fleisch isst, so koennen die Lichtelemente in ihm die satanische Seite ueberwinden und ihn dem Heil zufuehren.

Der Manichaeismus gewann viele Anhaenger, vor allem in Westasien und Nordafrika, gewann den spaeteren Kirchenvater Augustinus fuer zehn Jahre, ueberlebte die Verfolgungen unter Diokletian und den Islam und lebte ueber 1000 Jahre lang bis zur Zeit von Dschingis Khan. Mani selbst wurde aehnlich Jesus auf Draengen der persischen Priesterkaste ans Kreuz geschlagen, nachdem er immerhin 30 Jahre lang erfolgreich gepredigt hatte. Nach seinem Tod wurde seine Haut mit Stroh ausgestopft und am Stadttor von Susa aufgehaengt, um zu beweisen, dass er nicht der Messias war.

Auser diesen Neuerungen existierten immer noch die alten Religionen. Die Juden sammelten ihre aus Judaea vertriebenen Anhaenger in den Synagogen des Mittelmeerraums, Die Syrer verehrten weiterhin Baal unter hellenistischem Namen Die Aegypter erhielten ihre Goetter bis ans Ende des vierten Jahrhunderts und ueberall, wo Roemer lebten, existierte noch das alte roemische Pantheon, das allmaehlich durch einen aus Persien importierten Mithraismus in roemischem Gewand ergaenzt wurde.

Auch die Philosophie fand in Plotin wieder einen wuerdigen Vertreter, der die Ideen der griechischen Schule von Platon und Pythagoras weiterentwickelte. Er war ein koptischer Aegypter mit roemischem Namen und griechischer Erziehung, vereinigte also alle bedeutenden Stroemungen der Zeit in seiner Person. Er wurde 203 n. Chr. in Lykopolis geboren, wandte sich mit 28 Jahren der Philosophie zu, studierte zehn Jahre in Alexandria bei Ammonius Sakkas, einem abgefallenen Christen, der zur alten Religion zurueckgekehrt war und versuchte dann nach Persien zu gelangen, um die Weisheiten der Magier und der Brahmanen kennenzulernen. Er kam bis Mesopotamien, ging dann nach Antiochia und 244 n. Chr. nach Rom, wo er bis zu seinem Tod blieb und lehrte.

Seine Philosophieschule fand beim Kaiser Galienus Gefallen, sodass er als Guenstling am Hof aufgenommen wurde. Der Plan des Kaisers , in der Campagna eine neue Stadt zu gruenden, die nach Platons "Staat" regiert werden sollte kam aber nicht zur Ausfuehrung. Plotin war ein bescheidener Mann, ass kein Fleisch und wenig Brot, war einfach in der Lebensfuehrung und mied jeden sexuellen Kontakt, da er die "Kraft seines Geistes behindern wuerde". Grundsaetzlich war er aber nicht gegen Sexualitaet.

Nach seiner Lehre ist die Materie die noch nicht gestaltete Moeglichkeit der Form. Die Gestaltung erfolgt durch die innere Kraft oder Seele (psyche). Die Natur ist die vollstaendige Kraft oder Seele. Sie bringt die Gesamtheit der Gestalten in der Welt hervor. Das Wachstum des Menschen im Mutterleib und nach der Geburt im Leben ist ebenfalls das Werk dieser Kraft oder Seele. Alles Gegenstaendliche, also auch die unbelebte Natur wie der Stein, besitzt diese Kraft oder Seele, welche die aeussere Form gestaltet.

Die Materie ist nur ueber die Idee zu erkennen. Durch Sinnesempfindung oder Wahrnehmung. Die Ideen sind nicht materiell, die Faehigkeit sie zu haben und zu nutzen, die Vernunft, ist das hoechste aus der menschlichen Dreiheit von Leib, Seele und Geist. Die Vernunft findet ihre Grenzen in der Abhaengigkeit von der Wahrnehmung.

Die Seele ist sich bewusst, dass sie eine hoehere Realitaet darstellt als der Leib und weiss um ihre Verwandtschaft mit einer allumfassenden Seele, mit der sie versucht sich wieder zu vereinigen. Dazu geht sie den Weg der Seelenwanderung ueber viele Inkarnationen. Je hoeher sich die Seele entwickelt, umso mehr wird ihr bewusst, dass sie zum Ursprung zurueck will. wie ein mueder Wanderer , der sich nach einer Heimstaette sehnt. Ist die Seele zur Hingabe an die Musen, oder zu gelassenem Philosophieren faehig, dann wird sie die Leiter finden, die sie einst hinabstieg und wieder danach streben zu ihrem Ursprung hinaufzusteigen.

Der Weg dazu ist die Reinigung der Seele, die Laeuterung und die Meditation und ploetzlich wird die Seele spueren, wie sie in den Ozean des Seins, in die geistige und letzliche Realitaet eingeht, dann

"kann man denn dort oben Jenen und sich selbst schauen, soweit Schauen dort das Rechte ist, sich selbst von Glanz erhellt, erfuellt von geistigem Licht, vielmehr das Licht selbst, rein, ohne Schwere, leicht, ja Gott geworden".

Auch Gott ist nach Plotin eine Dreiheit. Er besteht aus dem Einen (hen), der Vernunft (nus) und der Seele (psyche). Das "Eine" ist mit menschlichen Worten nicht zu beschreiben, weil jedes Wort und jede Bezeichnung eine unzulaessige Einengung bedeuten wuerde. Aus dem "Einen" geht die Weltvernunft hervor, die gestaltenden Vorbilder und die Leitgesetze der Dinge. Sie sind sozusagen die Gedanken Gottes. Da diese "Gedanken" Bestand haben, waehrend die Materie ewig wechselnde Gestalten annimmt, sind sie die einzig wahre und dauerhafte Realitaet. "Einheit und "Vernunft" halten zwar das All zusammen, schaffen es aber nicht. Die Aufgabe des Schaffens obliegt der "Seele", dem belebenden Prinzip, das alle Dinge durchzieht und ihnen Kraft und vorbestimmte Form gibt. Jedes Ding, vom Atom bis zum Planeten hat diese "Seele", die ihm Schwungkraft verleiht und Teil der Weltseele ist.

Diese Philosophie, die hier nur auszugsweise wiedergegeben werden kann, stellt ohne Frage die Zusammenfassung und den Gipfelpunkt der Philosophie der alten Kulturen dar. Sie erscheint heutzutage noch immer so fortschrittlich, dass sie erst andeutungsweise wieder in Teilbereichen von heutigen Denkern erreicht, aber nie ueberschritten wird. Wahrscheinlich stellt sie den Gipfelpunkt dessen dar, was der Mensch in seinem jetzigen Zustand mit seiner beschraenkten Vorstellungskraft und Ausdrucksmoeglichkeit auch fuer Aussenstehende verstaendlich erreichen kann.

Das Christentum profitierte von dieser Vergeistigung. Plotin ist in seinen Vorstellungen ein Christ ohne Christus. Das Christentum nahm seine Vorstellungen auf und gestaltete mit ihnen die eigene Theologie. Dadurch verschwand fuer tausend Jahre die Kluft zwischen Philosophie und Religion.

Gehoerte Plotin noch der nichtchristlichen Richtung der die Kirche staerkenden Philosophen an, so gab es auch in der Reihe der Christen bedeutende Koepfe, die mit ihren Ideen und theologischen Vorstellungen das Glaubensgebaeude der Kirche staerkten. Dazu gehoerte Ignatius, Bischof von Antiochia, Justinus, der 108 n. Chr. in Rom als Maertyrer in der Arena von wilden Tieren zerrissen wurde, Quadratus und Athenagoras. Justinus von Samaria eroeffnete in Rom eine Schule fuer christliche Philosophie und versuchte den Kaiser zu ueberzeugen, dass die Christen gute, treue und nuetzliche Mitglieder des Staates seien. Trotzdem wurde er 165 n. Chr. mit sechs seiner Anhaenger hingerichtet.

Zwanzig Jahre spaeter kaempfte Irenaeus, Bischof von Lyon mit einer Schrift gegen alle Haeretiker des wahren Glaubens und setzte sich fuer die Entscheidung aller diesbezueglichen Fragen auf Konzilien ein. Der wichtigste Kaempfer fuer den Glauben in dieser Zeit war aber Tertullianus, der 160 n. Chr. in Karthago als Sohn eines roemischen Centurios geboren wurde. Er wirkte viele Jahre in Rom als Rechtskundiger und trat in der Mitte seines Lebens zum christlichen Glauben ueber. Mit dem Eifer des Neubekehrten kaempfte er fuer das Christentum und gab ihm das praktische, juristische und roemisch ethische Ruestzeug, das fuer eine Religion, die auf dem Wege war, anerkannte Staatsreligion zu werden, unabdingbar war.

Nachdem er sich einige Zeit in begeisterter Weise fuer das Christentum eingesetzt hatte, wandte er sich gegen die roemischen Sitten. Vor allem das roemische "Theater", die Kampfspiele in den Arenen, bei denen unzaehlige Menschen hingemetzelt oder von wilden Tieren zerfleischt wurden, wurde Zielpunkt seiner Verurteilungen.

Mit zunehmendem Alter wurde er immer radikaler, nannte die Frauen "die Einfallspforte des Satans", verspottete alle Troestungen des Glaubens indem er sie ad absurdum fuehrte und wurde ein radikaler Puritaner, der alle Christen verurteilte, die irgend ein Staatsamt inne hatten, die Vaeter, die ihre Toechter nicht verschleierten, die Bischoefe, die reuige Suender wieder zur Kommunion zuliessen und nannte schliesslich sogar den Bischof von Rom den "Hirten aller Ehebrecher". Es ist danach anzunehmen, dass er persoenlich sehr viel Aerger mit den roemischen Frauen hatte.

In Karthago wirkte Bischof Cyprian und verlieh der nordafrikanischen Kirche ein gleiches Gewicht wie es die roemische hatte. Alexandria brachte Ende des zweiten Jahrhunderts die bedeutenden Kirchenvaeter Clemens und Origenes hervor, die fuer die alten traditionellen Lehren kaempften, sich aber letzten Endes gegen Rom, das staatliche Hilfe in Anspruch nehmen konnte, oft nicht durchsetzen konnten. Origenes soll allein 6000 Buecher geschrieben haben, von denen viele aber nur kurze Abhandlungen eines bestimmten Themas waren.

Er liess das alte Testament in seiner Katechetenschule in Alexandria aus dem hebraeischen in das griechische uebersetzen und sorgte fuer vergleichende Uebersetzung der verschiedenen ueberlieferten Texte um eine verbesserte Septuaginta zu erreichen. Auf Grund seiner Kenntnisse aller bedeutenden philosophischen Richtungen seiner Zeit, die sich mit den sehr gegenstaendlichen Texten des alten Testaments, vor allem in der Genesis nicht vertrugen, versuchte er die Bibeltexte als nur allegorisch gemeint zu verteidigen. Dabei verlor er den Boden unter den Fuessen und seine Bibelphilosophie wurde von der Kirche mit grosser Skepsis betrachtet. Der Bischof von Alexandria , Demetrius, verweigerte ihm die Weihe zum Bischof und als zwei Bischoefe aus Palaestina nicht so kleinlich waren, berief Demetrius eine Bischofskonferenz ein, auf der Origenes die Bischofswuerde wieder aberkannt und er selbst aus Alexandria verbannt wurde. Er ging darauf nach Caesaraea und lehrte dort mit grossem Erfolg weiter. In der im Jahr 248 n. Chr. verfassten Schrift "Contra Celsum" setzte er sich kritisch mit dem ueberlieferten Glauben auseinander und bewies, dass das Christentum fuer die Zukunft die edlere Lebensweise versprach.

Als 250 n. Chr. die Christenverfolgungen unter Decius auch Caesaraea erreichten wurde Origenes gefangen genommen und in Ketten gelegt. Decius starb aber frueher als er und so kam Origenes wieder frei, lebte aber, durch die Haft geschwaecht, nur noch drei Jahre. Als seine Ansichten nicht mehr das Wissen einiger weniger Experten blieb, hielt die Kirche es auf den Konzilien von Konstantinopel 400 und 553 n. Chr. fuer angebracht seine Schriften zum "Anathema" zu erklaeren. Sie blieben trotzdem Lehrstoff fuer viele Kenner und besonders die Nichtchristen finden in seiner Apologie starke Argumente fuer das Christentum. Mit ihm hoerte das Christentum auf, nur ein troestlicher Glaube zu sein, es wurde auch als Philosophie vollreif.

Auf Grund dieser Flut von Auslegungen des Christentums, von denen Irenaeus 184 n. Chr. zwanzig zaehlte und die bis 384 n. Chr. auf achtzig angewachsen waren, sah die Kirche die Notwendigkeit diesen Ausuferungen entgegenzutreten. Die Kirche sollte Staatskirche werden, und dafuer musste sie nach aussen ein einheitliches Bild bieten. Zur Findung des richtigen Wegs dorthin dienten die Konzilien und Synoden, die im zweiten Jahrhundert noch von allen interessierten Geistern im dritten vorwiegend nur noch von Bischoefen besucht wurden.

Seit die Gemeinde von Jerusalem nicht mehr bestand, verwalteten sich die einzelnen Bistuemer selbst. Es stellte sich aber bald heraus, dass irgend jemand vorhanden sein musste, der hoehere Autoritaet besass. Denn man konnte auf die Dauer nicht wegen jedes Streits ein Konzil einberufen. Der Bischof von Rom erhob Anspruch auf die Fuehrungsrolle, da er behauptete, der Nachfolger Petri in diesem Amt zu sein. Petrus war zwar in Rom und starb dort als Maertyrer, war aber nicht Bischof von Rom. Nach Irenaeus hatte Petrus Linus das Bischofsamt uebertragen, da er selbst Apostel fuer alle christlichen Gemeinden bleiben wollte.

Trotzdem bot sich Rom auf Grund der Organisation des roemischen Reiches auch als Sitz der kirchlichen Verwaltungszentrale an. Geistige Zentralen befanden sich vor allem in Karthago, Alexandria und Antiochia. Dies fuehrte eine Zeitlang zu Konkurrenzkaempfen , die bis zur gegenseitigen Exkommunizierung getrieben wurden, aber allmaehlich und nachdem sich entsprechende Fuehrerfiguren in Rom gefunden hatten, fuer die die Macht der Kirche interessant wurde, setzte sich der Fuehrungsanspruch Roms mehr und mehr durch.

Roms Staerke lag dabei nicht in der geistigen Fuehrung der Christenheit, sondern in der Faehigkeit, der Kirche eine feste und stabile Organisation und Verwaltung zu geben und fuer entsprechende Einkuenfte zu sorgen. Faehigkeiten, die Erbgut aus der Verwaltungspraxis des roemischen Reiches waren. Mitte des dritten Jahrhunderts hatte sich eingespielt, dass die christlichen Gemeinden sich an den Bischof von Rom wandten, wenn sich irgendwelche Probleme ergaben. Fuer den Bischof von Rom wurde so allmaehlich auch der Begriff "Papa" also "Vater" der Kirche ueblich. Judaea hatte der christlichen Kirche die Ethik und Griechenland die Philosophie gegeben. Rom gab ihr die Organisation.

Als beim einsetzenden Niedergang des roemischen Reiches die weltliche Macht immer mehr an Bedeutung verlor, uebernahmen die Bischoefe oft die Verwaltung der Staedte und die Erzbischoefe standen den Provinzgouverneuren zur Seite, wenn sie sie nicht sogar ersetzten. Die Synode der Bischoefe trat oft an die Stelle der Provinzversammlungen. Das hatte zwar positive Auswirkungen auf die Organisation und die Einnahmen der Kirche, fuehrte aber andererseits zu ihrer Verweltlichung und begruendete die Vorstellung, dass die Kirche eine "Macht" sei. Dass sie es mit Fuersten, Koenigen und Kaisern aufnehmen muesse, um weltlichen Besitz auch in Form von Laendern und Gebieten zu erhalten und zu gewinnen. Eine Vorstellung, die sich spaeter sehr zum Schaden des Christentums auswirken sollte.

zurueck