Erste Zivilisationen auf den Hochlaendern

 

Die erstaunliche Stadt Catal Hueyuek (20)

von Karl Juergen Hepke

 
Es ist nicht verwunderlich , daß nach der weltweiten Katastrophe der großen Sintflut von 8500 v.Chr., die ueber 10 Millionen Menschen das Leben kostete - und das war zu dieser Zeit nach den Bevoelkerungsschaetzungen vor und nach der Katastrophe etwa 2/3 der auf der Erde existierenden Menschheit (0,18) - das erste kulturelle Leben sich auf den geschuetzt liegenden Hochflaechen klimatisch guenstig gelegener Gebiete entwickelte. Diese Hochflaechen waren den um die Erde brausenden Wassermassen der Meere weitgehend entgangen und wurden im wesentlichen nur durch Erdbeben und die jahrelang andauernden immensen Regenfaelle, verbunden mit einer erheblichen Abkuehlung des Klimas, betroffen.

Dieser Abkuehlung konnte der Mensch in dieser Zeit auf die Dauer nur dadurch entgehen, dass er sich in das Innere der Erde, in vorhandene oder kuenstlich von ihm geschaffene Hoehlen zurueckzog , denn nur dank der hier vorhandenen Erdwaerme war auf die Dauer ein Ueberleben unter den widrigen Bedingungen dieser Zeit moeglich. So gehoerten unter anderem die natuerlichen Hoehlen Suedfrankreichs und Nordspaniens, die kuenstlich geschaffenen Hoehlen von Los Millares in Ostandalusien und die Hoehlen auf den Hochflaechen Anatoliens zu den heute bekannten Staetten, in denen ein Teil der Menschheit ueberlebte, und von denen sich neues kulturelles Leben ausbreitete.

So erstaunt es nicht, daß auch die aelteste heute bekannte Stadt auf einer dieser Hochflaechen, naemlich in Anatolien, gefunden wurde und ihr besonderer Baustil wird angesichts der Tatsache, daß die Menschen in dieser Zeit seit vielen Generationen in Hoehlen gelebt hatten, verstaendlich.

Doch bevor hier naeher auf die Art der Funde eingegangen wird, ist es noetig, sich die Lage des Fundortes und sein Aussehen zur Zeit der Entstehung der Siedlung vor Augen zu fuehren. Mit Anatolien handelte es sich um ein in der damaligen Zeit sehr fruchtbares Hochland, in dem sich reichlich Fluesse und große Seen befanden, die wahrscheinlich nicht zuletzt durch die immensen Regenfaelle, die in den Jahren nach dem Asteroideneinschlag niedergingen, entstanden waren. Die daraus resultierende hoehere Luftfeuchtigkeit , verbunden mit der wiedereinsetzenden Waerme der suedlichen Lage, foerderte einen reichen Pflanzen und Baumwuchs und schuf damit die Voraussetzungen für ein reiches Tierleben.

Es herrschten dort also geradezu paradiesische Verhaeltnisse, die noch dazu durch hohe Gebirgsketten gegen eine moeglicherweise feindlich gesinnte Umwelt abgeschirmt wurden. Wie wir noch sehen werden, herrschten auch im Hochland von Iran in dieser Zeit aehnlich guenstige Bedingungen und auf den Hochlaendern der Sahara und Iberiens dürfte es aehnlich ausgesehen haben.


Wie die Hochlaender Iberiens und des Iran verfuegte auch das Hochland von Anatolien dazu noch um in erreichbarer Naehe liegende reiche Vorkommen an Gold, Silber, Kupfer und anderen Erzen. Eine Besonderheit bildete das Vorkommen von Obsidian, einem glasartigen vulkanischem Produkt, das sich hervorragend zur Herstellung von Schneidwaren und Luxusartikeln eignete. Es ist also durchaus denkbar, dass schon vor der Katastrophe des Asteroideneinschlags hier aus diesen Gruenden eine große Anzahl von Menschen lebte und mit dem Abbau der Bodenschaetze beschaeftigt war.

In den sechziger Jahren dieses Jahrhunderts machte sich nun der hollaendisch - britische Archaeologe James Mellaart daran, den in der heute fast baumlosen Landschaft des Hochlandes von Anatolien liegenden Doppelhuegel von Catal Hueyuek auszugraben. Was er hier inmitten der Weizenfelder einer weiten Schwemmlandebene fand, machte ihn in kurzer Zeit weltberuehmt in der archaeologischen Wissenschaft.

Die Ergebnisse seiner Ausgrabungen und die daraus gezogenen Schluesse veroeffentlichte er 1967 in seinem Buch : Catal Hueyuek, Stadt aus der Steinzeit.
Er entdeckte einen Siedlungsplatz, der auf Grund seines Umfangs die Bezeichnung Stadt durchaus verdient und dessen Alter mit der Radiokarbonmethode auf ca. 6000 v. Chr. festgestellt wurde. Das war 3000 bis 4000 Jahre früher als die Staedte des Zweistromlandes und 2000 Jahre spaeter als die zur Zeit aelteste bekannte umwallte Oasensiedlung der Welt in Jericho aus der Zeit um 8000 v. Chr. Zudem lag die neu gefundene Stadt sehr viel weiter westlich als alles bis dahin bekannte.


Es gab zu dieser Zeit auch schon andere Fundorte von Besiedlung in dieser - von der Wissenschaft als "Jungsteinzeit" oder "Neolithikum" bezeichneten Zeit in Anatolien. Aber was hier gefunden wurde, gab der Besiedlung und der Kultur dieser Zeit eine ganz neue Dimension. Mellaart fand eine Stadt in einer Bauform, wie sie spaeter im westlichen Kulturkreis nie mehr vorkommt. Die Haeuser hatten glatte weiße Mauern ohne jeden Durchbruch. Der Zugang zum Haus erfolgte durch eine Oeffnung in der Decke, durch die man mit Hilfe einer Leiter in das Innere gelangte. Das ganze hatte eine Hoehlencharakter, und man kann sich gut vorstellen, daß es urspruenglich eine aus dem Leben in Hoehlen abgeleitete Architektur ist.

Mellaart fand in dieser Stadt, deren Radiokarbondaten für die einzelnen Besiedlungsschichten von 6500 v. Chr. bis 5700 v. Chr. reichen, eine bis dahin für diese Zeit unvorstellbar hohe Kultur. Die Funde stellten darüber hinaus alle bis dahin geltenden Vorstellungen der Entwicklung der menschlichen Kultur in Frage .Wurde doch diese Zeit von der Wissenschaft als "akeramisch " bezeichnet, das heißt, die fortgeschrittene Kulturstufe der gebrannten Keramik galt als noch nicht erreicht, ebenso hielt man die Gewinnung und Bearbeitung von Metallen für noch voellig unbekannt.

Die Bewohner von Catal Hueyuek jedoch konnten sich bereits in dieser Zeit des Luxus von Obsidianspiegeln, Zeremonialdolchen und Metallschmuckstuecken erfreuen. Kupfer und Blei wurden geschmolzen und zu Schmuckperlen, Zylindern und moeglicherweise kleinen Gefaeßen verarbeitet. Die Holzgefaeße aus Catal Hueyuek sind vielgestaltig und differenziert und auch eine Verarbeitung von Wolle zu mehrfarbigen Textilprodukten ist nach Aussagen von Mellaart bereits voll entwickelt.

Doch nun zur eigenartigen Architektur dieser ersten bisher bekannten Stadt : Man baute, wie auch spaeter in Mesopotamien, aus luftgetrockneten Lehmziegeln . Jedes Haus hatte eigene Waende. Die Waende wurden mit einem feinen weißen Ton sowohl von innen wie von außen verputzt. Der Verputz wurde wahrscheinlich jaehrlich nach den Regenfaellen im Winterhalbjahr erneuert. Es wurden bis zu 120 Putzlagen an Gebaeuden festgestellt. Aus den Funddaten ist zu schließen, daß alte und baufaellig gewordene Haeuser abgerissen wurden.

Das Dach mit den tragenden Balken wurde entfernt, die Mauerpfosten wurden herausgerissen und die oberen Teile der alten Mauer abgeschlagen . Der Lehmschutt wurde dann planiert und auf den verbliebenen Grundmauern die neuen Mauern errichtet . Darauf wurde dann das Dach, moeglicherweise auch mit erneuerter Balkenlage, wieder aufgelegt. Die bei den unteren Mauerresten erkannten 100 und mehr Putzlagen zeigen, daß die Gebaeude anfaenglich sehr alt wurden. In spaeteren Zeiten, die sich in den oberen Schichten dokumentieren, wurden die Gebaeude, wahrscheinlich durch Brand , vorzeitig zerstoert, die Anzahl der Putzlagen ist viel geringer.

Die Oeffnungen im Dach, durch die man ausschließlich in die Haeuser gelangen konnte, dienten außer als Zugang auch als Rauchabzug, denn darunter befand sich der Herd und der Backofen. In den Schlaf- Wohnkuechen gab es außerdem steinerne Plattformen, die sogfaeltig verputzt und teilweise mit Matten belegt waren . Sie dienten zum Sitzen, arbeiten und schlafen. Unter den Plattformen wurden die Toten bestattet. Aus ihnen konnte man auch auf die Zugehoerigkeit der Plattformen schließen. Eine kleinere Eckplattform gehörte dem Vater, die groessere Hauptplattform der Mutter mit den Kindern. Manche Haeuser hatten auch zusaetzliche Plattformen, keines aber mehr als acht.

Es gab eine gut entwickelte Vorratswirtschaft. Korn wurde in Koerben, Haeuten oder Tongefaessen aufbewahrt und zwar so, daß die zum Verbrauch bestimmte Menge unten durch eine Oeffnung entnommen wurde. Das sicherte, daß kein Vorrat zu lange gelagert wurde. Darüber hinaus waren einzelne Haeuser als zentrale Vorratshaeuser eingerichtet. In toenernen Behaeltern befanden sich Steinaexte, Schleifsteine, Schleudermunition und Knochenstueckchen.

Die relative Wohlhabenheit dokumentiert sich in den Grabbeigaben mit denen einige Tote bestattet worden waren. Es fanden sich dort Schmuck, Obsidianspiegel, feine Feuersteindolche, steinerne Schnabelgefaeße, Holzschuesseln, Kaesten und Koerbe mit Lebensmitteln. Dazu bei den Frauen Geraete zur Schoenheitspflege und kunstreiche Halsbaender. Die Maenner hatten polierte Steinkeulen, Messer und Feuerzeuge, die aus Flintstein und einem Stück Schwefel bestanden.

Um das Jahr 5880 v. Chr.zerstoerte eine Brandkatastrophe die Stadt. Die Hitze war dabei so maechtig, daß sie metertief in den Boden drang und Erde, Knochen und Grabbeigaben verkohlen ließ. Faeulnisbakterien konnten deshalb Tuche, Pelze, Leder, Holz und Nahrungsmittel nicht mehr angreifen und sie blieben so dem Ausgraeber erhalten. In der naechsthöheren Schicht , die um 5700 v. Chr. datiert wird, finden sich dann, vielleicht als Erfahrung aus der Brandkatastrophe, die ersten keramischen Produkte, die aber noch weitgehend die vorhergegangenen Holzprodukte nachahmen.

Die Speise der Bewohner der Stadt bestand aus 14 gezuechteten Nutzpflanzenarten, darunter mehreren Weizensorten ( Dinkel und Emmer ), Gerste und Felderbsen. Aus einem dem Senf verwandten Kraut gewann man wahrscheinlich Pflanzenoel. Mandeln, Eicheln, Pistazien und die suess schmeckenden Fruechte des Zuergelbaums vervollstaendigten die Palette der Pflanzenkost. Schon in den untersten Schichten von Catal Hueyuek fand Mellaart aber auch Knochen von Schafen und Ziegen.

Aus dem umgebenden Jagdparadies stammen die Knochen von dem mit dem Hausrind verwandten Auerochsen, von Rot- und Schwarzwild, Wildeseln, Woelfen, Gazellen und Leoparden. Die in den juengeren Schichten gefundenen kleineren Pfeil- und Speerspitzen deuten darauf hin, daß das Grosswild allmaehlich abnahm und vorzugsweise Kleinwild als Beute in Frage kam.

Die aufgefundenen Skelette wurden von Lawrence Angel von der Smithonian Institution untersucht und lieferten interessante Daten über die Groesse, den Gesundheitszustand und die Lebensdauer der Bewohner. Danach waren die Maenner durchschnittlich 1,70m , die Frauen 1,56m groß. Die Maenner wiesen oft Schaedelverletzungen auf. Sie wurden durchschnittlich etwa 34 hoechstens jedoch 40 Jahre alt, die Frauen kamen selten über 30 Jahre hinaus.

Beachtlicher als alles andere waren jedoch die Entdeckung der kuenstlerischen Werke dieser Zeit in Catal Hueyuek. In einer großen Zahl von Haeusern der verschiedenen Siedlungsschichten wurden Wandmalereien entdeckt. Außerdem gab es bemalte Gipsreliefs, Statuen und sogenannte Bukranien, das sind Stirnbeine und Gehoerne wilder Stiere. Neben vielen dekorativen Wandbildern gibt es Jagdszenen wie in den Hoehlenmalereien, ein Landschaftsgemaelde und bei den Reliefs wahrscheinlich vom Goetterkult bestimmte Bildwerke.

Ob die besonders reich mit derartigen Kunstwerken ausgestatteten Haeuser Kultstaetten waren oder nur besonders kreativen oder vermoegenden Besitzern gehoerten, vielleich auch Priestern oder Priesterinnen, ließ sich nicht feststellen. Bemerkenswert ist jedoch, daß die Bildwerke zum Teil spaeter uebertuencht und darauf manchmal auch wieder erneuert wurden. In der uebrigen Ausstattung entsprechen diese Haeuser jedenfalls dem ueblichen Wohnkomfort. Es gibt Herde , Backoefen und Plattformen, unter denen auch Tote beigesetzt wurden.

In die Wandreliefs wurden vorhandene Produkte der Natur wie Schaedel von Geier, Fuchs und Wiesel eingelassen. Auch weibliche Brueste wurden als Motiv für die Reliefs verwendet, vielleicht als Reliefentsprechung der vollplastischen Darstellung der bekannten Muttergoettin, die , wie auch aus anderen Regionen bekannt, als schwerbruestig, mit breiten Schenkeln und Hueften dargestellt wird. Sie ist nackt oder mit einem Leopardenfell bekleidet und thront auf einem Katzentier.

Die weiblichen Darstellungen ueberwiegen schon in der Anfangszeit. So kommen auf 33 weibliche Skulpturen nur acht maennliche. Die Maenner reiten oft auf einem Stier oder Leoparden. Die Figuren sind klein, oft nur wenige Zentimeter und selten mehr als zwanzig Zentimeter gross. Sie wurden aus verschiedenen Materialien wie weichem Kalkstein, Bimsstein oder Alabaster, gebranntem Ton, vulkanischem Fels oder Marmor hergestellt. Auch Stalagtiten und Stalagmiten aus Hoehlen wurden gerne kuenstlerisch bearbeitet.

Die meisten Materialien stammen von außerhalb der Konya- Ebene in der Catal Hueyuek liegt. An kuenstlerischer Vielfalt und Ausdruckskraft uebertreffen die Figuren alles bisher aus frueher Zeit bekannte. Die Entstehungszeitbestimmung ist allerdings schwierig, da bekannt ist, daß Kultstatuetten ueber lange Zeit in Gebrauch bleiben und oft in Schichten gefunden werden, in denen sie nicht entstanden sind. Solange nicht die Werkstaetten gefunden werden , in denen die Figuren hergestellt wurden, ist auch nicht zu sagen, ob die auffallenden stilistischen Unterschiede einer Entwicklungslinie entsprechen oder Ausdruck der kuenstlerischen Vorstellungen und des handwerklichen Koennens ihrer Schoepfer sind.

Auffallend ist jedoch, daß in den juengeren Schichten maennliche Statuetten fast garnicht mehr vorkommen. Es gibt dafuer den Erklaerungsversuch, daß mit der Zunahme der Bedeutung von Ackerbau und Viehzucht die Bedeutung der Frau zugenommen hat , waehrend mit der Abnahme von Jagd und wilden Tieren die Faehigkeiten des Mannes mehr in den Hintergrund traten. Demnach waren die Zeiten noch friedlich, denn der Mann als Krieger und Verteidiger von Haus und Familie spielte offenbar noch keine grosse Rolle.

Auf den Wandbildern findet sich sehr haeufig die Darstellung von Geiern, die ueber Tote ohne Kopf herfallen. Es handelt sich wahrscheinlich um einen, auch spaeter im Orient noch anzutreffenden Begraebnisbrauch, der den toten Koerper den Geiern überlaesst, die ihn voellig vom verweslichen Fleisch befreien. Die Skelette konnten dann ohne Probleme in den Haeusern unter den Plattformen beigesetzt werden. Dazu wurden sie in Tuecher oder Haeute eingewickelt. Man gab ihnen Schmuck, Waffen und Gegenstaende mit. Auch Nahrungsmittel für die Reise ins Jenseits fehlten nicht. Es gibt hier also keinen wesentlichen Unterschied zu den Begraebnisbraeuchen der spaeteren Hochkulturen von Aegypten oder Mesopotamien.

Doch auch die technischen Faehigkeiten dieser Kultur waren ihrer Zeit weit voraus. Es gab Werkzeuge, Spiegel, Schmuckperlen mit Loechern, die feiner sind als eine Stahlnadel und Gewebe, das ohne Webstuhl nicht hergestellt werden konnte. Andererseits fanden sich in den mehr als 200 ausgegrabenen Raeumen nur eine Sichel und weniger als ein Dutzend Kernstuecke aus Obsidian, ein einziger Spinnwirtel und nicht ein einziges Webstuhlgewicht. Moeglicherweise liegt dies daran, daß man den falschen Stadtteil ausgegraben hat und dass erst weitere Grabungen auf das "Gewerbegebiet" stossen , moeglicherweise haben aber auch die Bewohner, als sie nach 800 Jahren die Stadt für immer verliessen, alles für das taegliche Leben wichtige mitgenommen, um sich an einem anderen Ort neu anzusiedeln.

Das Klima hatte sich in dieser Gegend naemlich relativ rasch veraendert. Die durch die Katastrophe des Asteroideneinschlags verursachte Klimaverschlechterung verschwand mehr und mehr. Infolgedessen liessen auch die dadurch verursachten Regenfaelle nach. Das Klima wurde zunehmend waermer und trockener, woran auch der Mensch wahrscheinlich einen erheblichen Anteil hatte. Durch die von ihm durchgefuehrte Abholzung der Waelder trocknete das Land zusaetzlich aus. Fluesse versiegten und die Seen versalzten. Damit schwand der Lebensraum für das jagdbare Wild und auch die Weiden für die Haustiere vertrockneten. Es lag also nahe, seine Habe zu packen und in ein Gebiet zu ziehen, das all die guten Eigenschaften , die man vorher hier gefunden hatte, noch besass. Und um 5700 v. Chr. war es noch nicht schwer, entsprechenden Siedlungsraum zu finden.

So erbrachte zum Beispiel eine Grabung am oberen Tigris in der Provinz Diyarbakir , die in den siebziger und fruehen achtziger Jahren dieses Jahrhunderts durchgefuehrt wurde, dass auch hier aehnliche Nutzpflanzen und Nutztiere vorhanden waren und Kupferblech verwendet wurde. Die Datierung dieser Funde liegt bei 7250 - 6750 v. Chr. also eher noch vor Catal Hueyuek. Die Stadt war also kein Einzelfall in diesem Bereich, wenn auch die besondere Bauweise und die Qualitaet ihrer Kunstwerke etwas Besonderes darstellt.

Das Erstaunliche , für das es bisher noch keine Erklaerung gibt , ist jedoch, dass auf diese Zeit mit einer relativ hoch entwickelten Kultur eine Pause von nahezu 3000 Jahren folgt, bis sich wieder kulturelles Leben in dieser Region zeigt. Denn waehrend in den Hochkulturen des Zweistromland um 3000 v. Chr. die Schrift erfunden wurde, gab es in Anatolien zu dieser Zeit nur eine armselige primitive Dorfkultur. Die fortschrittlichen Traeger der Kultur von Catal Hueyuek hatten sich entweder woanders erfolgreich niedergelassen und ihr neuer Siedlungsplatz wurde noch nicht entdeckt, oder sie waren bei ihrer Suche nach einem neuen Siedlungsplatz irgendwo zusammen mit ihrer Kultur und ihrem Wissen zugrunde gegangen. Eine die Zeitluecke von 3000 Jahren fuellende entsprechende Kultur wurde jedenfalls bisher noch nicht gefunden.

Wenn man all diese Gegebenheiten zusammenfasst, so deutet sehr viel darauf hin, daß es sich bei den Einwohnern von Catal Hueyuek um Ueberlebende der Sintflutkatastrophe von 8500 v. Chr. handelte, die aehnlich wie die ersten Bewohner von Iberien in den nachfolgenden Jahrhunderten in den geschuetzt liegenden Hochebenen eine Moeglichkeit des Ueberlebens fanden. Als die Natur und das Klima sich wieder normalisierten, zogen sie in Flussebenen und in die Naehe des Meeres, wo die Lebensbedingungen guenstiger waren. Sie gruendeten dort die ersten Ansiedlungen, die sich spaeter teilweise zu Staedten entwickelten.

zurueck